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Bachs Motetten: 6 plus 2

10.01.2004 — Nur eine zahlenmässig bescheidene Gruppe machen in Bachs Schaffen die Motetten aus. Doch sie sind die einzigen Vokalwerke, die nach dem Tod des Komponisten nicht in der Versenkung verschwanden – in erster Linie dank dem Thomanerchor. Nebenbei bemerkt: In einer Leipziger Aufführung der Motette «Singet dem Herrn ein neues Lied» hatte Mozart auf der Reise nach Berlin anno 1789 sein zündendes Bach-Erlebnis.

Nicht für alle Motetten konnte bisher der Anlass ihrer Entstehung eruiert werden; klar ist, dass es sich bei den meisten um für Trauer- und Gedächtnisfeiern geschriebene Werke handelt. Den vielen Fragen, die dieser Korpus aufwirft, geht Klaus Hofmann, hauptamtlicher Leiter des Göttinger Bach-Instituts, in seiner Einführung in Bachs Motetten nach. Er nimmt die Lesenden mit auf eine ebenso umsichtig wie scharfsinnig geleitete Erkundung, in der er die Wege der wissenschaftlichen Forschung und die teils widersprüchlichen Hypothesen, Befunde und Ergebnisse dargelegt, den aktuellen Erkenntnisstand und die offenen Probleme festhält. Dass er die auf den ersten Blick trockene Materie ebenso präzis wie unverkrampft nahe zu bringen versteht, macht das Buch zu einer spannenden Lektüre.

Im ersten Teil führt Hofmann ins Thema ein mit Beiträgen zu Bachs Motetten, zum Werkbestand, zum Gattungsbegriff, zur Aufführungspraxis (Singstimmen allein; mit Generalbass; mit colla parte gehenden Instrumenten und Generalbass). Geschichte und Formprinzipien der Motette vor Bach erhellt er an Beispielen von Palestrina, Schütz, Melchior Franck, Schein, Briegel, Hassler und Johann Michael Bach.

Im Hauptteil mit den Einzeldarstellungen behandelt der Autor den Kernbestand (sechs Werke BWV 225 bis 230): «Singet dem Herrn ein neues Lied», «Der Geist hilft unser Schwachheit auf», «Jesu, meine Freude», «Fürchte dich nicht, ich bin bei dir», «Komm, Jesu, komm» und «Lobet den Herrn, alle Heiden». Zudem zwei weitere: «Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn» (BWV Anh. 159) und «Jauchzet dem Herrn, alle Welt» (BWV Anh. 160). Beide Werke wurden früher als unecht bezeichnet, heute wird Bachs Autorschaft trotz Einwänden und Bedenken als nicht unwahrscheinlich eingestuft. Was dafür, auch was eher dagegen spricht, wirft Hofmann, nicht ohne Stellung zu beziehen, in die Diskussion.

Die acht detaillierten Porträts der Motetten werden eröffnet durch das Incipit und die vertonte Textvorlage, gefolgt von Überlegungen zur Entstehung des Werks. Im Folgenden analysiert der Verfasser anhand von Notenbeispielen und Formplänen Teil für Teil, Satz für Satz die kompositorischen Sachverhalte und deren enge Beziehung zum Text. Unerlässlich für ein vertieftes Studium ist der Beizug der Partituren.

Klaus Hofmann hat aus eminenter Kenntnis und mit didaktischem Talent ein Buch geschaffen, das auch über die Motetten-Gattung hinaus wesentliche Elemente bachschen Komponierens beleuchtet (Formprinzipien, musikalische Sprachkunst, thematische Konstruktion, Harmonik, Bild- und Affektdarstellung). (ws)

Klaus Hofmann: Johann Sebastian Bach, Die Motetten. Bärenreiter Werkeinführungen. Bärenreiter Verlag, Kassel 2003. 263 Seiten, mit Illustrationen und Notenbeispielen. € 16.95. Fr. 30.10.

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