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Bern braucht starke Botschafter der Kultur

Von Wolfgang Böhler

 

06.06.2009 — «The Times They Are A-Changing» hiess in den sechziger Jahren ein Album des Protestsängers Bob Dylan, und auch wenn seither mehr als vierzig Jahre vergangen sind, tun sie’s immer noch, die Zeiten: Sie ändern sich. Gegenwärtig trifft dies nicht zuletzt auf die Bedeutung zu, welche Kultur- und Kreativwirtschaft im Gesamtsystem einer europäischen Nationalökonomie einnehmen. Ein lebendiges Kulturleben, das international wahrgenommen wird, weil es ein klares Profil besitzt, wird für die Länder Zentraleuropas in Zukunft eine strategische Rolle spielen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu wahren.

Auch die Schweiz ändert sich: Der hiesige Finanzplatz ist geschwächt, die Aufträge der Industrie brechen dramatisch weg. Auf der andern Seite verfügen heute viele Schwellenländer nicht mehr nur über eigene Rohstoffe, sondern auch über ein Potential an industriellem Wissen, Können und Kompetenzen in Sachen Dienstleistungen, die früher wenig gefährdete Privilegien der Schweiz darstellten.

In welcher Form aber leben Branchen weiter, die einst hierzulande das Rückgrat der Wirtschaft bildeten? Man nehme bloss das Beispiel der Textilindustrie. Vor Jahrzehnten boten Webstühle zahlreichen Arbeiterinnen und Arbeitern ein (teils kärgliches) Auskommen. Heute kann in der Textilindustrie von der Schweiz aus auf dem Weltmarkt mitspielen, wer es dank Exzellenz im Umgang mit Stoffen und Weltklassedesign schafft, die neue amerikanische First Lady zu kleiden. Die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale unseres Landes werden in naher Zukunft nicht mehr Zuverlässigkeit und Präzision sein, sondern Originalität, Kreativität, Qualität und tief in der europäischen Tradition verwurzelte ästhetische Brillanz.

Damit diese Botschaft in den aufstrebenden Regionen Ostasiens, Lateinamerikas und im Mittleren Osten ankommt, braucht es klare Profile strategischer Institutionen. Zentral ist dabei die Ausstrahlung, welche die Bundesstadt hat. Ihr Ruf wird nicht nur von Touristen, sondern auch von den diplomatischen Vertretern, die hier Wohnsitz haben, hinausgetragen. Eine bedeutende Rolle im Stadtmarketing spielen die traditionellen Kulturinstitutionen, allen voran Museen, Theater und Orchester (woran denkt man zuerst bei Stichworten wie Berlin, London, Wien, Sydney oder Paris? Und wie haben sich Städte wie Birmingham oder Bilbao ins Bewusstein der Weltöffentlichkeit katapultiert?)

Die Einsicht, dass die Ausstrahlung einer Bundesstadt auf die internationale Wahrnehmung der Dynamik eines Landes eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat, ist in der Schweiz offenbar noch nicht angekommen. Obwohl die Schweiz weitgehend vom Export lebt, konnte sie es sich bis vor nicht allzulanger Zeit getrost leisten, eine Bundesstadt zu haben, die vor allem als Spiegel der auf lokale Selbstgenügsamkeit und den Ausgleich regionaler Minderheitenansprüche fokussierten Politik diente. Nach aussen festigte diese Selbstbescheidung den Ruf des Landes als solider und zuverlässiger Werk- und Wirtschaftsplatz.

Die Zeiten haben sich aber eben geändert. Heute wirkt dieses Verharren in lokaler Selbstzufriedenheit rückständig und kräftehemmend. Entsprechend fatal sind die Signale, welche die gegenwärtigen Querelen um Organisation und Finanzierung des Berner Stadttheaters und des Berner Symphonieorchesters aussenden (die Details dazu finden sich in diesem Dossiertext). Bern bietet hochkarätigen Künstlern keine zuverlässige und anregende Arbeitsumgebung mehr; so ist es etwa fast nicht mehr möglich, einen erstklassigen Nachfolger für den scheidenden Chefdirigenten Andrey Boreyko zu finden.

Bund, Kanton und Stadt können sich auf den Standpunkt stellen, es handle sich hier bloss um ein Luxusproblem der Freizeitgestaltung einer an Hochkultur interessierten intellektuellen Elite. Dem ist aber nicht so. Es handelt sich um einen nicht zu unterschätzenden Faktor im Kampf um die globale wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Statt die Institutionen Theater und Orchester der Bundesstadt, die für den Ruf der Schweiz eine so wichtige Rolle einnehmen müssten, solide, nachhaltig und engagiert zu stützen, wählt die lokale Politik von allen möglichen Trägerschaften die schlechtestmögliche: Sie gliedert die Kulturpolitik einer Regionalkonferenz an, deren Kerninteressen im Ausgleich der Ressourcen zwischen Stadt und Agglomerationsgemeinden liegen.

Welche Dynamik die Entwicklung von Theater und Orchester dabei prägt, lässt sich an den Fingern abzählen: Es geht da hauptsächlich darum, wie viel (respektive wie wenig) die Agglomerationsgemeinden zu deren Finanzierung beisteuern müssen. Um sie freundlich zu stimmen, muss das Kulturangebot vor allem auf die Bedürfnisse des lokalen Umlandes der Stadt abgestimmt werden. So wird der Ruf der Schweiz als träges Gebilde gefestigt, dem die urbane Dynamik, welche die Weltwirtschaft heute prägt, per se suspekt ist. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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