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16.02.2007 — Staatliche Kulturförderung ist ein schwieriges Thema. Auf welch schiefe Bahnen sie geraten kann, selbst wenn – oder gerade wenn – dem Buchstabe des Gesetzes nachgelebt wird, zeigt eine Episode aus dem Kanton Bern, die der ganzen Schweiz ein Lehrstück sein sollte.
Berner Musikliebhaber ohne stilistische Scheuklappen wissen: Die etwas ausserhalb der Stadt auf dem Gemeindegebiet von Rubigen stehende Mühle Hunziken ist seit mehr als dreissig Jahren ein europaweit einzigartiges Konzertlokal. Schon auf manchem Gebiet ist in dem ein wenig an ein Shakespeare-Theater erinnernden Lokal Geschichte geschrieben und für Sternstunden gesorgt worden. Weltstars, die anderswo Fussballstadien füllen, gaben hier immer mal wieder unvergessliche Klubkonzerte, und Musikjournalisten auf der ganzen Welt staunten wohl regelmässig, wenn sie Tourneepläne angesagter Stars in die Hände bekamen, in denen die Liste europäischer Gigs London, Paris, Mailand, Wien, Berlin, Rom … und «Muehle Hunziken» listeten.
Das Erstaunlichste am Ganzen: All’ die Jahrzehnte wurde die Kulturmühle von ihrem Leiter Peter Burkhart ohne Inanspruchnahme von Steuergeldern betrieben. Erst nach dreissig (!) Jahren wandte sich Burkhart an seine Standortgemeinde – mit der Bitte, die Gelder, welche diese gemäss kantonalem Kulturförderungsgesetz (KFG) für Kulturleistungen an die Stadt abzuliefern hatte, doch für einmal in die Mühle umzuleiten. Schliesslich rekrutierte sich das Publikum der Mühle seit jeher aus der ganzen Region und mit ihrem urbanen Programm, das Downtown London alle Ehre machen würde, weitaus mehr aus der Stadt Bern als aus Rubigen selber. Auf die Mühle Hunziken wirkt sich überdies mehr und mehr die Tatsache aus, dass städtische Konzertlokale im Gegensatz zu ihr selber aus staatlichen Fördertöpfen gespiesen werden – im Prinzip auch aus dem Geld, das von Rubigen via Regionale Kulturkonferenz in die Stadt fliesst. Diese konnten in den letzten Jahren dadurch Burkhart immer mehr attraktive Künstler abwerben – auch solche, die er vor Jahrzehnten einmal selber aufgebaut hatte.
Die Absage kam zunächst prompt. Leider sei eine Umleitung der Gelder nicht machbar. Nun scheint vier Jahre nach der ersten Anfrage plötzlich doch noch zu gehen, was bislang unmöglich schien. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die Berner Landgemeinden und damit auch Rubigen schon immer die Gelegenheit gehabt hätten, ihre Kulturbeiträge an die Stadt zu reduzieren, «wenn sie sich selber wesentlich an der Finanzierung wichtiger kultureller Institutionen von mindestens regionaler Bedeutung im Sinne von Art. 11 KFG beteiligen, die auf ihrem Gemeindegebiet domiziliert sind.»
Ab 2008 soll die Mühle Hunziken nun also einen Beitrag erhalten – 25’000 Franken jährlich, einen Franken pro Besucher, wie Peter Burkhart Ende Januar in einem Interview mit der Berner Tageszeitung «Der Bund» vorrechnete. Das Stadttheater Bern werde demgegenüber mit 240 Franken pro Besucher unterstützt, kommentierte Burkhart nüchtern.
Dass das Geld spät und bloss spärlich fliesst, mag der «Mühli-Pesche», wie Peter Burkhart von Publikum und Musikern liebevoll genannt wird, mit milder Ironie kommentieren. Was ihn auf die Palme (notabene das Wahrzeichen der Mühle) bringt, ist hingegen die Begründung eines Vertreters des kantonalen Amtes für Kultur. Man habe, so der Funktionär, die gesetzlich mögliche Höchstgrenze des Beitrages – 33’500 Franken – nicht ausgeschöpft, weil die 25’00 Franken «entsprechend der Wichtigkeit der Kulturmühle angemessen» seien. Das sei zugegebenermassen ein subjektiver Entscheid, die Mühle Hunziken sei aber nicht vergleichbar mit Institutionen wie dem Historischen Museum in der Stadt.
Den Bildungsbürgern, die zu solch unsinnigen Vergleichen greifen, kann man nur in einer Sprache antworten, die sie möglicherweise verstehen: O, sancta simplicitas!
Die Moral des Ganzen? Mag sein, dass da alles mit rechten bürokratischen Dingen zugegangen und allen föderalistischen und regionalen Ansprüchen formal Recht getan worden ist. Menschlich und kulturpolitisch ist das Ganze aber eine unwürdige Schildbürgerei ahnungsloser Funktionäre. In der Kulturförderung geht es nicht (nur) ums Geld. Es geht auch – und vor allem – um Wertschätzung, Stil und einen respektvollen Umgang mit denjenigen, die verhindern, dass unsere Welt im Mittelmass versinkt. Auch und gerade mit den Peter Burkharts unseres Landes darf nicht so umgesprungen werden. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
