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30.11.2012 — Die traditionellen Verleger läuten zur Zeit eine weitere Runde in der Auseinandersetzung um eine Schlüsselfrage der modernen Medien ein: Gleicht Information eher dem Wasser, das als frei verfügbares öffentliches Gut verstanden wird, oder eher der Elektrizität, für die wir je nach bezogener Menge etwas bezahlen müssen? (Beim Wasser ist die Sache etwas komplexer, weil wir im Grunde genommen dafür auch bezahlen, aber wir vernachlässigen das mal – um der Pointe willen). Da wird dann das übliche Klagelied angestimmt: Journalistische Inhalte, die aufwendig und kostspielig erstellt werden müssen, würden im Netz gratis zur Verfügung gestellt, der Nutzer habe sich daran gewöhnt, und verstehe nun nicht, weshalb er dafür bezahlen solle.
In Tat und Wahrheit sind die Dinge etwas komplizierter, denn andere – gemeinschaftlich finanzierte – Inhaltsangebote sind heute in einfacher Weise frei verfügbar, die schon immer frei zugänglich waren. Der einfachere Zugriff auf diese, der ihre Nutzung radikal verändert hat, trägt dazu bei, Informationen eher Wasser-Eigenschaften zuzuschreiben. Der Zugriff via Internet hat ihre Reichweite dramatisch vergrössert und den Aufwand, sie zu nutzen, nicht minder dramatisch gesenkt. Dies gilt vor allem für die Bestände öffentlicher Bibliotheken, Archive, öffentlicher Forschungsinstitutionen und nicht gewinnorientierter Stiftungen.
Auf was da alles zugegriffen werden kann, demonstriert die soeben als Beta-Version aufgeschaltete Deutsche Digitale Bibliothek (DDB, www.deutsche-digitale-bibliothek.de ). Da sich musikalische Inhalte (Aufnahmen, Noten, kritische Berichte, und so weiter) einfach digitalisieren lassen, wird der Zugriff auf Manuskripte, historische Audiodokumente und weiteres hochgradig demokratisiert. Das verändert nicht nur das musikwissenschaftliche Arbeiten.
«Ziel der DDB», erklärt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz und Sprecher des Vorstands des Kompetenznetzwerks der DDB, in einer Medienmitteilung, «ist es, jedermann über das Internet freien Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands zu eröffnen, also zu Millionen von Büchern, Archivalien, Denkmälern, Bildern, Skulpturen, Musikstücken und anderen Tondokumenten, Filmen und Noten».
Man muss dabei auch in noch grösseren Dimensionen denken, denn die DDB soll Teil des europäischen Kulturportals Europeana werden. Hinter der Europeana stehe die Überzeugung, dass freier, demokratischer Zugriff auf das kulturelle Erbe für alle gewährleistet sein müsse, um die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen für die gesellschaftliche Entwicklung nutzen zu können, zitiert die Mitteilung Jill Cousins, die Geschäftsführerin der entsprechenden Trägerstiftung.
Hinzu kommen Initiativen wie die zahllosen Wikis, die Lexikonwissen gratis distribuieren, oder Angebote wie die Petrucci-Bibliothek, die Notenmaterial, deren Urheberschutz abgelaufen ist, frei zur Verfügung stellen.
Damit haben wir ein Problem: Wenn der Staat und nicht gewinnorientierte Organisationen hochwertige Information frei zur Verfügung stellt (was gut und richtig ist), private Medienunternehmen aber nicht, dann dürfte der Bürger, respektive Konsument dies als Ungleichgewicht empfinden. Ist Information nun eben etwas, was frei und unentgeltlich zur Verfügung stehen soll, oder ist ihre Nutzung das Privileg der Hablichen, die dafür (teuer) bezahlen können und wollen?
Wir haben für das Dilemma auch keine Lösung, sind aber überzeugt davon, dass sich das Problem der Geschäftsmodelle traditioneller Verlage nur aus einer Gesamtschau aller Informationsquellen und -anbieter lösen lässt. Ein «Alleingang» der Anbieter journalistischer Inhalte scheint zum Scheitern verurteilt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
