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Das perfekte Verbrechen

Von Wolfgang Böhler

 

12.05.2005 — An der Leipziger Konferenz «The Neurosciences and Music – II» war mehrmals von einem Paradigm Shift die Rede, der – angetrieben von den neuesten Methoden der Neurowissenschaften – namentlich die Musiktherapie auf eine neue Basis zu stellen in der Lage sei. Von Modellen der Sozialwissenschaften, welche «die therapeutische Arbeit mit Musik vor allem als Mittel zur Beziehungsbildung und Erhöhung des subjektiven Wohlbefindens verstünden», heisse es, auf eine «solide Basis empirischer Belege der Wirksamkeit» zu wechseln. Möglich machten dies die stürmischen Fortschritte in der Neurobiologie der Musikwahrnehmung.

Wenn Mediziner kompromisslos auf dem Beschaffen empirischer Nachweise für die Wirksamkeit einer Therapie beharren, so tun sie dies aus mindestens zwei sehr guten Gründen. Zum Einen sind die finanziellen Ressourcen der Forschung begrenzt. Es gilt, die Entscheide darüber, wem öffentliches oder privates Geld zugesprochen wird, transparent und rational zu rechtfertigen und effiziente Therapiemethoden eher und weniger effiziente weniger zu fördern. Alles andere wäre nicht im Interesse der Patienten.

Zweitens gilt es, Schäden zu verhindern. Therapien, deren Wirkkräfte empirisch nicht fassbar sind, bergen auch das Potential, Patienten zum Nachteil zu gereichen – das gilt auch für scheinbar harmlose Tätigkeiten wie das Musizieren, und wenn es sich «nur» darum handelt, dass Betroffene einer wirksameren Therapie zugunsten einer untauglichen nicht zugeführt werden.

Die «Jetzt zeigen wir euch mal, wie man’s macht»-Mentalität einiger Naturwissenschaftler und Grundlagenforscher ist aber auch ignorant und stört den Dialog, anstatt dass sie Brücken bauen würde. Man kann die Haltung damit erklären, dass die Forschergemeinde das perfekte Verbrechen liebt: Sie unterschlägt gerne, dass das sauber designte Experiment und der konzise Artikel in der renommierten Fachzeitschrift am Ende eines langen, langen Prozesses stehen. Auch dieser hat einmal mit kreativem Chaos, Geistesblitzen und Intuitionen begonnen und viel Ärger, Wut, Frustration, geniale Einfälle, Holzwege und ärgerliche Irrtümer hervorgebracht. Ohne diese emotionalen Kollateralschäden gibt’s keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Derartige Spuren werden allerdings sorgsam verwischt, wenn der finale Artikeltext erstellt wird. Keiner soll wissen, was es gekostet hat. Das sei für die Beförderung der wissenschaftlichen Erkenntnis auch nicht nötig, lautet das Standardargument. Wie naiv.

Zum andern werden auch an Eliteuniversitäten und Weltklasse-Instituten wissenschaftliche Projekte nicht nur nach hehren und zweckfreien Kriterien vorangetrieben, auch wenn man zugeben muss, dass die Scientific Community heute eine weitgehend offene, um echte Beförderung der Erkenntnis und intellektuelle Gerechtigkeit bemühte Gesellschaft darstellt. Irrationale Machtverhältnisse, wissenschaftliche Eitelkeit, Partikularinteressen, Paternalismus und Nepotismus gehören aber auch hier zu den Triebkräften. Wer dies abstreitet, macht sich unglaubwürdig oder demonstriert die eigene Ahnungslosigkeit.

Aber auch wenn der klinische Alltag der Musiktherapie-Praktiker in seiner ganzen Emotionalität und seinem Engagement also ein genauso zum wissenschaftlichen Gesamtgebäude gehörender Pfeiler darstellt, und es für die Experimentalkünstler in den klinisch sauberen Labors sehr inspirierend sein kann, dort ab und an mal den Kopf hineinzustrecken, kann man nicht umhin, den «Praktikern» an der therapeutischen Front ein Beharren auf liebgewordenen Vorurteilen zu attestieren.

Die Klage, dass die «Schulmedizin» das Menschliche, das Individuelle ausser Acht und Ansätze nicht gelten lasse, deren Effekte sich empirisch nicht beweisen lassen, ist zu einer Art Dogma des Humanismus geworden. Auch wenn die konsequente Forderung nach dem harten Wirkungsnachweis und einer Prüfung auf mögliche Nebenwirkungen zurückgewiesen wird, führt Ignoranz das Zepter.

Fundraising ist für alle eine der frustierendsten, da unproduktivsten und härtesten Arbeiten im Wissenschafts- und Kulturbetrieb. Die einzig gerechte Art, am richtigen Ort die richtigen Mittel zu sprechen ist und bleibt aber der möglichst objektive Nachweis, dass der Einsatz es wert ist. Es fällt selbst Spitzenkräften in der Grundlagenforschung schwer, das nötige Geld für die eigene Arbeit aufzutreiben. Man kann sich da nicht bloss auf die hehren Ziele und die gute Absicht zurückziehen.

Die Verteidigung der wichtigen und nicht-verhandelbaren Werte der Praxisarbeit kann nicht im passiven Wehklagen darüber bestehen, dass man von der Scientific Community scheinbar an die Wand gespielt wird. Es gilt viel mehr, die Ärmel hochzukrempeln, die mühsame Geldsuche ebenso zu lernen und sie ebenso konsequent und hartnäckig zu betreiben – um als gleichberechtigter und nicht bloss als Junior-Partner am Grossen Fortschrittsprojekt partizipieren zu können. Damit kann man sich vom Gefühl der Ohnmacht verabschieden und die Forscher immer wieder daran erinnern, dass eine opulente Publikationsliste nur die halbe Miete darstellt. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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