25.07.2005 — Nicht immer will gut Ding Weile haben. Das Label Capriccio wollte die erste Gesamtaufnahme des sinfonischen Œuvres Dmitrij Schostakowitschs im SACD-Format vorlegen. Das zu diesem Zweck im Hinblick auf den 100. Geburtstag des grossen Russen im Jahr 2006 initiierte Kölner Projekt, seine 15 Sinfonien einzuspielen, benötigte in der Grobabstimmung nur gerade ein Vierteljahr.
In Leipzig hatte sich das Label eine Absage geholt. In Köln waren die Umstände günstiger. Das Gürzenich-Orchester musste nach dem Abgang von James Conlon (2002) und dem Amtsantritt von Markus Stenz (ab 2004/2005) zwei chefdirigentenlose Saisons überbrücken. Nach einem Gastspiel mit Schostakowitschs 7. Sinfonie war der Wunschdirigent gefunden: Dmitrij Kitajenko.
Dank freigiebigen Sponsoren, dank dem Enthusiasmus des Orchesters und der Grosszügigkeit seines Fördervereins konnte das Kölner Schostakowitsch-Projekt im Jahr 2002 in Angriff genommen werden; nun liegen die Aufnahmen in einer zehn Alben umfassenden, optisch apart ausgestatteten Edition vor.
Dmitrij Kitajenko, 1940 in St. Petersburg (damals Leningrad) geboren, nimmt sich mit besonderer Intensität der Musik russischer Komponisten an. Im Dezember 1953 erlebte er mit seinem Vater, einem Ingenieur, der zehn Jahre in ein sibirisches Gulag verbannt war, die Uraufführung von Schostakowitschs 10. Sinfonie. 1971, bei seiner Einstudierung der Oper «Katerina Ismailowa», lernte Kitajenko den Komponisten persönlich kennen und blieb ihm und seinem Schaffen, den Umständen der Entstehung der Werke verbunden. «Seine stärkste Genialität war, mit Musik ohne Worte über Wahrheit zu reden», sagt Kitajenko in dem der letzten CD beigegebenen Rundfunk-Feature über das Kölner Schostakowitsch-Projekt. Und: «Eine philosophische Vision gegen das Böse in der Welt steht in seiner Musik.»
Während 14 Jahren bis zu seiner Übersiedlung in den Westen 1990 war Kitajenko Chefdirigent des Moskauer Philharmonischen Orchesters – später gleich lang (bis 2004) Chef des Berner Symphonie-Orchesters, das sich unter seiner Leitung als eines der führenden Schweizer Orchester etablierte. Aus welchem Grund in Kitajenkos offizieller Biografie die kürzeren Engagements in Frankfurt und Bergen aufgeführt sind, die Berner Chefposition jedoch mit keinem Wort erwähnt wird, ist schleierhaft. Seit 1999 ist Kitajenko Chefdirigent des Sinfonieorchesters des koreanischen Rundfunks in Seoul.
Das innerhalb von nur zwei Jahren 2004 abgeschlossene Kölner Schostakowitsch-Projekt vereint neun Studio- und sechs Liveaufnahmen. Im Studio eingespielt wurden die Sinfonien 2, 3, 5 und 6, 9 und 10 sowie 12 bis 14, live aufgezeichnet in der Philharmonie Köln die Nummern 1, 4, 7 und 8, 11 und 15.
Die einlässlichen Kommentare in den in identischem Layout gestalteten Booklets (leicht abweichend davon jenes zur 8. Sinfonie, die bereits im vergangenen Jahr einzeln vorgelegt wurde) stammen von Éva Pintér und Hartmut Lück. Deren deutsche Fassung ist ins Englische und ins Französische übersetzt worden. (Irrtümlicherweise wurde ins Booklet zu den Sinfonien 2 und 5 die französische Version des Kommentars zur 12. Sinfonie eingerückt.) Die in den Sinfonien 2, 13 und 14 vertonten russischen Texte sind nicht in kyrillischer Schrift, sondern hilfreich in Transliteration abgedruckt (der Text der 3. Sinfonie erscheint nur in Übersetzungen).
Kein Zweifel: Das Kölner Schostakowitsch-Projekt, eine singuläre Tat und eine Geburtstags-Hommage hohen Rangs, zählt zu den exemplarischen Auseinandersetzungen mit dem bedeutenden sinfonischen Œuvre des Russen. – In künstlerischer Hinsicht: Dmitrij Kitajenko und das Gürzenich-Orchester – zudem die Sopranistin Maria Shaguch, der Bass Arutjun Kotchinian und der Prager Philharmonische Chor – fesseln mit dynamisch und emotional weit gespannten, bis ins Detail klar disponierten und intellektuell beherrschten Interpretationen. Nicht auszumachen sind Unterschiede zwischen der Intensität der Live- und der Studioaufnahmen. – In technischer Hinsicht: Das SACD-Surround-Verfahren (kompatibel mit Standard-CD-Playern) sichert den Aufnahmen überragende räumliche Plastizität und Brillanz der Klangfarben. (ws)
Dmitri Shostakovich: The Symphonies. Complete Recording. Gürzenich-Orchester Köln. Leitung: Dmitrij Kitajenko. (Capriccio 71 029; 12 Hybrid Multichannel Super Audio CDs in 10 Alben in Schuber)
Siehe auch unseren Beitrag «Stalin und Schostakowitsch»