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Der Lehrplan 21 und die Musik

Von Wolfgang Böhler

 

28.06.2013 — Der Lehrplan 21 geht in die Konsultation. Wir haben auch einen Blick hineingeworfen, natürlich vor allem in die Passagen, die der Musik gewidmet sind. Da fällt zunächst einmal auf, dass grosse Ansprüche in viele schöne Worte gepackt werden: Schülerinnen und Schüler sollen in Dialog mit der eigenen Person und der Gesellschaft treten und lernen, «sich in einer Lebenswelt, in der Musik in verschiedensten Formen und Funktionen allgegenwärtig ist, mündig zu bewegen». Innerhalb der Schule als Lern- und Kulturort leiste der Musikunterricht «einen wichtigen Beitrag an eine demokratisch-mündige Gesellschaft, indem er allen Kindern und Jugendlichen das Bilden und Schärfen eines ästhetischen Urteils und das Üben von Toleranz ermöglicht», heisst es in den Präliminarien.

Uns wäre lieber, wenn der Musikunterricht einen wichtigen Beitrag zum Erlernen der Notenschrift leisten und den Schülern das Singen einer Quart oder den fliessenden Wechsel von Achteln zu Achteltriolen ermöglichen würde. Schule sollte keinen gesellschaftlichen Imperativen folgen, sondern das Beherrschen elementarer Kulturtechniken vermitteln.

Nach wie vor idealistisch-weltumfassenden Gesamterklärungsansprüchen verpflichtet sind auch die weiteren Passagen. Der Musikunterricht basiere auf einem erweiterten Musikverständnis, das auch Rhythmik und Elemente aus dem Tanz miteinbeziehe. Er biete den Kindern die Möglichkeit, sich in vielfältiger Weise mit sich selbst, der Gruppe und der kulturellen Umwelt auseinanderzusetzen.

Es würde durchaus genügen, wenn sie sich mit dem Quintenzirkel, schweren und leichten Taktteilen und Akzidentien auseinandersetzen würden.

Einen Satz hingegen können wir genau so stehen lassen, wie er sich im Entwurf findet: Die Motivation für einen aufbauenden und anhaltenden musikalischen Übungs- und Lernprozess werde in erster Linie aus positiven Erlebnissen und Freude im Umgang mit Musik gewonnen. Jawohl.

Man tut dem Entwurf aber etwas unrecht. Die Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten, die man sich anstelle gewichtiger humanistischer Ansprüche wünschte, wird in den Details des Planes durchaus berücksichtigt.

Nur macht die Fülle der Fertigkeiten, die da geschult werden sollen, wiederum fast schwindlig: Die Notenschrift soll der Nachwchs so weit beherrschen, dass er in der Lage ist, (eigene?) musikalische Ideen mittels Notenschrift zu kommunizieren. Daneben soll er, etwa mit Body-Percussion und instrumental, polyrhythmische Sequenzen und ungewöhnliche Taktarten wie Siebenachtel- oder Fünfachteltakte in Bewegung umsetzen können. Er soll sich in Partituren zurechtfinden, zu einem Musikstück vorgegebene Choreographien üben und ausführen, Texte «groovebezogen interpretieren», eigene Song- und Raptexte schreiben und interpretieren und noch vieles, vieles mehr.

Man muss sich in Erinnerung rufen, dass dies ein Programm für die öffentliche Volksschule ist. Dabei stellen sich unseres Erachtens zwei Probleme. Zum einen scheint das Programm vollkommen überfrachtet, will man es einigermassen seriös vermitteln. Zum andern setzte sein Gelingen den Einsatz exzellent geschulter, sozial ausserordentlich kompetenter und ästhetisch überaus begabter Lehrpersonen voraus. Denn nichts scheint zum Gelingen pädagogischer Programme wichtiger als die Kompetenz der Lehrpersonen.

Am liebsten wären uns also auch auf Volksschulstufe exzellent ausgebildete Musiker mit hoher Sozialkompetenz und eigener ästhetischer Persönlichkeit. Natürlich kann die niemand aus dem Hut zaubern, und bezahlen könnte die Volksschule sie wohl auch nicht.

Deshalb der pragmatische Wunsch an das Musikprogramm im Lehrplan 21: Deutlich weniger Stoff, dafür mehr Raum zum Einüben elementarer Fertigkeiten. Berücksichtigt werden muss dabei, dass diese gezwungenermassen von Lehrpersonen vermittelt werden dürften, die möglicherweise über bloss durchschnittliche musikalische Fähigkeiten verfügen (sonst hätten sie wohl keine Zeit zum Unterrichten an Volksschulen). Nichts zerstört Freude an der Musik und die Lernmotivation dazu sicherer als Vermittler, die wegen stofflicher und handwerklicher Überforderung mit sichtlicher Unlust Pflichterfüllung betreiben. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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