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21.07.2006 — Von den Kulturschaffenden wird vermehrt verlangt, dass sie sich selber vermarkten. Und selbst von grossen Kulturinstitutionen und Forschungszentren wird erwartet, dass sie zur Geldsuche selber einen Beitrag leisten. Subventionen und andere staatliche Fördergelder werden mehr und mehr zurückgefahren. Die Folge sind Klagen der Betroffenen, dass die Kultur ökonomisiert und marktschreierisch wird.
So werden Mythen konstruiert. Ökonomie und Kultur waren schon immer zwei Seiten einer Medaille: Man vergegenwärtige sich bloss einmal unter welchen Umständen Meisterwerke historisch entstanden sind. Etwa das «Wohltemperierte Klavier»: Es ist das ästhetische Bekenntnis eines Musikers, der als hart arbeitender Lohnschreiber sich selber ständig zu Markte tragen musste und nebenbei die Geschicke einer grossen Familie – im Grunde genommen selber schon ein KMU – zu lenken verstand. Oder Mozarts «Zauberflöte»: Ein Auftragswerk für ein populäres Theater, vergleichbar den heute prosperierenden Freilichtspektakeln. Der Auftraggeber, Librettist und Papageno-Darsteller Schikaneder sanierte sich damit finanziell und konnte sich mit dem Theater an der Wien eine neue Spielstätte bauen.
Der Glaube an eine vermeintlich zunehmende «Ökonomisierung» der Kultur wird von den Zahlen widerlegt. Noch nie war es – der Freizeitgesellschaft sei Dank – so einfach, Kunst zu produzieren und zu Markte zu tragen. Konzertreihen, Festivals, Galerien und Verlage schiessen wie Pilze aus dem Boden und wer ein absolut unverkäufliches avantgardistisches, elitäres oder esoterisches Kunstwerk erschaffen will, hat es noch nie so einfach gehabt, dafür einen Sponsor oder einen Brotwerwerb zur Eigenfinanzierung zu finden.
Eine Studie der Europäischen Union («Exploitation and development of the job potential in the cultural sector in the age of digitalization») hat den Mythos vor wenigen Jahren vollends entlarvt: Nicht einmal eine Bürokratisierung findet nämlich statt. Im Gegenteil: In den Jahren 1995 bis 1999, welche die Studie aufarbeitete, wuchs die Zahl der Arbeitsplätze in der Kulturwirtschaft jährlich um 4,8 Prozent. Das Entscheidende dabei: Geschaffen wurden vor allem Arbeitsplätze für Denker und Gestalter. Die Anzahl der Verwaltungsjobs in der Kulturindustrie geht hingegen kontinuierlich zurück. Der Verwaltungsapparat der Kulturbranche wird mehr und mehr entschlackt. Mittlerweile ist ja sogar die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia gezwungen, diesem Trend zu folgen. Fördergelder werden nicht mehr von der Bürokratie pulverisiert, sie fliessen mehr und mehr direkt in die kreative Arbeit.
Aber wenigstens das Marketing müsste doch in den Zeiten der Selbstanpreisung von Kulturinstitutionen Konjunktur haben! Nicht einmal das ist der Fall. Auch Verkauf und Marketing müssen Federn lassen. Die EU-Studie stellt nach einer Würdigung des Booms kultureller Erzeugnisse explizit fest: «Die Arbeitsplätze in der Distribution wachsen zwar auch, aber nicht mit der gleichen Rate wie die Entwicklung kultureller ‚Produkte’‚ ‚Inhaltsproduzenten’ sind gefragter als Marketing- und Verkaufsspezialisten.»
Das «Problem» ist, dass die Kinder die Revolutionäre fressen: War Kunst und Kultur lange Zeit das Privileg einer bessergestellten Elite, kann sich heute jeder und jede auf dem Gebiet betätigen. Die sozialpolitische Forderung ebendieser Elite nach einer Demokratisierung von Kunst ist heute (zumindest in den westlichen Industrieländern) weitgehend erfüllt. Damit steigt der Wettbewerbsdruck und die Notwendigkeit, sich im vielstimmig gewordenen Konzert aktiv Gehör zu verschaffen. Und dies führt zu höheren Anforderungen zur Selbstvermarktung an den einzelnen Kulturproduzenten. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
