05.09.2003 — Kontrolle, Reglementierung, Verbote, Unterdrückung: die grosse Angst der Männer vor den Frauen, die grosse Angst der weltlichen und der geistlichen Machtausübenden vor der Sinnlichkeit der unteren Gesellschaftsschichten. In Europa offenbaren sich diese Ängste gerade auch im Verhältnis zum Tanz und zum Tanzen. Das Buch «Tanz, Tod und Teufel» erhellt eine Fülle aufschlussreicher Zusammenhänge.
In ihrer Untersuchung richtet Irmgard Jungmann das Augenmerk auf den Tanz im 15. und 16. Jahrhundert; als wichtigstes musikalisches Ausdrucksmittel war er von grosser gesellschaftlicher Bedeutung, was an der Fülle der Zeitzeugnisse evident wird. Die Autorin konzentriert sich auf die deutschsprachigen Gebiete des Deutschen Reiches nördlich der Alpen und – in neuem Ansatz – auf die (im Vergleich mit Frankreich, den Niederlanden und Italien allerdings zahlenmässig bescheidenen) deutschen Tanzillustrationen im Rahmen kirchlicher Malereien, welche den Dekalog (die Zehn Gebote) vor Augen führen. Die von der Wissenschaftlerin ausfindig gemachten und zum grossen Teil erstmals in diesem Zusammenhang untersuchten ikonografischen Zeugnisse, darunter auch Holzschnitte, werden ergänzt durch Analysen weiterer Quellen: Dekalogpredigten und kirchliche Tanztraktate, weltliche Verordnungen zum Tanz in der Stadt und auf dem Land sowie literarische Belege. Die Abbildungen (manche Fresken sind schlecht erhalten) werden hier erstmalig in musikwissenschaftlichem Kontext vorgelegt, ein Teil davon zum ersten Mal publiziert.
Die Geschichte des Tanzes ist auch die Geschichte gesellschaftlichen Wandels, und in ihrer Erforschung des Tanzens als vorrangiger musikalischer Betätigung im 15. und 16. Jahrhundert leuchtet die Autorin auch die soziologischen Prozesse aus, die letztlich Anteil an der Entwicklung europäischer «Kunstmusik» hatten.
Sieben Thesen
Die Ergebnisse ihrer gründlichen Untersuchung gruppiert Irmgard Jungmann in sieben Thesen. Im Folgenden eine geraffte Zusammenfassung wichtiger Punkte.
Weil Tanzen in der Gesellschaft grosse Bedeutung hatte, fühlten sich Kirche und Obrigkeit veranlasst, Normen zum Tanz aufzustellen, Übertretungen hart zu ahnden. Der Tanz repräsentierte gesellschaftliche Schichtunterschiede («Oben» und «Unten», Elite und Volk). Der paarweise Prozessionsaufzug war allerdings in allen gesellschaftlichen Schichten in Deutschland die gängige Tanzform.
Im höfisch-bürgerlichen Tanz richtete die obere Gesellschaftsschicht ihr Verhalten zunehmend auf Triebreduktion, Entsexualisierung und Affektkontrolle aus. So erklärt sich, dass die auf dem Land übliche sinnenhafte Art des Tanzens in der Abwehrhaltung der «sittsamen» Oberschicht stark sexualisiert und als bedrohlich empfunden wurde; kirchliche und städtische Autoritäten gingen vehement dagegen an und setzten bei der ländlichen Bevölkerung mit Zwang den bürgerlichen Tanz durch.
Die Machtausübung der kleinen Oberschicht gegenüber der Masse der Bevölkerung traf besonders die Frau, seit jeher als Verführerin des Mannes etikettiert. Die Sexualisierung ihres Tanzens hatte erkennbare Auswirkungen: «Einerseits wurde die mit dem Teufel tanzende Frau zum Inbegriff der Anklage bei den Hexenprozessen, auf der anderen Seite wurden die Frauen dazu gebracht, sich sinnlich unauffällig zu verhalten, das hiess, sich im Rahmen ,bürgerlicher Ordnung’ an die Reglements städtischen Tanzens anzupassen und sich damit den hierarchischen Strukturen des Tanzens unterzuordnen, die die dominante Stellung des Mannes noch stärker betonten und die Frauen in ihren Bewegungsmöglichkeiten weiter einengten.» Die Frau wurde auf ihre Rolle innerhalb des Hauses verwiesen.
In ihren Thesen sieht die Autorin den Versuch, «die Geschichte des Tanzes als ein Netzwerk von vielerart ineinander verwobenen Entwicklungen» darzustellen: «als eine Geschichte von den Umgangsformen der Geschlechter und ihrer Beziehung zueinander, als eine Geschichte der Entwicklung gesellschaftlicher Schichten und ihrer Verhaltensweisen und als eine Geschichte gesellschaftlicher Auseinandersetzung eben dieser Schichten um die gesellschaftlich ,zulässige’ Tanzart».
Historischer Wandel
Die Ergebnisse ihrer Forschung bettet Irmgard Jungmann abschliessend ein in die grösseren Zusammenhänge der Kulturhistoriografie der letzten Jahrzehnte, indem sie Erkenntnisse von Michail M. Bachtin, Pierre Bourdieu, Peter Burke, Michel Corbin, Norbert Elias, Michel Foucault, Jacques Le Goff, Jacques Rossiaud u. a. beizieht. Innerhalb eines begrenzten Kultur-Ausschnittes im 15./16. Jahrhundert geben die Vorschriften zum Tanzverhalten «Veränderungen gesellschaftlicher Einstellungen und Normen wieder, die sich im gesamten Bereich der damaligen kulturellen Entwicklung wiederfinden lassen», hält Irmgard Jungmann in ihrem facetten- und farbenreichen, klar gegliederten, in ungestelztem Stil abgefassten musik- und kulturgeschichtlichen Buch fest: das Phänomen des historischen Wandels im Umgang mit Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität. (ws)
Irmgard Jungmann, Tanz, Tod und Teufel Tanzkultur in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung des 15. und 16. Jahrhunderts. Reihe Musiksoziologie Band 11. Bärenreiter Verlag, Kassel 2002. 221 Seiten.€ 34,90. CHF 57.70.