13.02.2007 — «Ich hab’ keine Lust mehr: die Erschütterungen und das Erkennen der Ohnmacht des Einzelnen sind zu groß und bestimmt. […] Von mir gilt einfach der Ausdruck, – das Leben – satt zu haben. Mir fehlt nicht mehr als Alles, um menschlich leben zu können.» (Wagner an Wendelin Weissheimer – Juli 1863)
«Dieser junge König macht Alles gut: wahrlich Kind, den hat Gott in allem und jedem Stücke ganz extra für mich geschaffen. […] Es ist nicht zu fassen, welches Glück mir der in’s Leben bringt.» (Wagner an Mathilde Maier – Mai 1864)
«Also selbst in meiner Liebe zu Ihm, dem Einzigen, muss Er mich immer wieder mit Muth erfüllen! – Ich bin nichts mehr, ohne Ihn! Selbst zu lieben lehrt Er mich erst. […] Er weiss Alles! Gott offenbart Ihm Alles! O, mein König! Du bist göttlich!» (Wagner, 51, an Ludwig II., 19 – Dezember 1864)
Richard Wagner, der Schwerarbeiter, wandte auch als Briefautor die erweiterte Skala der Ausdrucksmöglichkeiten an zwischen den Polen kohlrabenschwarzer Pessimismus und himmelhoch jauchzende Verklärung. Wer sich in seine Korrespondenz vertieft, ist nicht nur überrascht durch die Fülle an sachbezogener Information über Leben und Werk und durch die Spontaneität und Eloquenz der Formulierung, sondern oft auch irritiert von der weinerlichen Selbstverliebtheit und den Jeremiaden einerseits, von der Übersteigerung der Gefühle und der quasi religiösen Schwärmerei andrerseits. Doch die in den Briefen ausgebreitete Spannweite des (nicht selten zelebrierten) Erlebens, Fühlens und Reflektierens öffnet unschätzbare Zugänge zu Wagners Welt.
An die Hand genommen wurde die Gesamtausgabe der chronologisch geordneten Briefe Wagners erst 1967, über acht Jahrzehnte nach seinem Tod. Bis 2000 gab der Deutsche Verlag für Musik, Leipzig, neun Bände heraus. Ab Band 10 wurde eine organisatorische und konzeptionelle Neuorientierung umgesetzt, die ihren Anfang hatte im Erstellen eines umfassenden Inventars. Dieses 1998 edierte Wagner-Briefe-Verzeichnis (WBV) bietet mit seinen 9724 Einträgen einen Überblick über den derzeit nachweisbaren Bestand samt Quellen und Ausgaben und bildet die Grundlage des Editionsplans zur Fortsetzung der «Sämtlichen Briefe».
Die von Werner Breig erarbeiteten neuen Editionsrichtlinien (in dem jedem Band beigegebenen Kapitel Benutzerhinweise sind sie zusammengefasst) betreffen die Bände 10 bis 34 (bei Breitkopf & Härtel sind bisher die Bände 10 bis 16 erschienen).
Ab Band 12 ist für die Einteilung das Kalenderjahr massgeblich. So versammelt Band 15 die Briefe von 1863, einem bewegten Jahr in Wagners Leben: Konzerttourneen führen ihn durch halb Europa und nach Moskau. Trotz Erfolgen fällt die Bilanz enttäuschend aus: «Tristan und Isolde» kann nicht in Wien uraufgeführt werden, die Arbeit an den «Meistersingern» stockt, und die Geldnot ist chronisch, vor allem auch wegen Wagners luxuriöser Lebensführung nach seinem Motto: «… gar zu viel Oekonomie ist schlechter Haushalt!» (Wagner an Mathilde Maier, Juli 1863)
Eitel Morgenröte dann im folgenden Jahr (Band 16): Der junge Mäzen Ludwig II. enthebt Wagner fürs Erste materieller Sorgen und sichert die Vollendung und Aufführung seiner Werke. Wagner und Cosima von Bülow besiegeln ihren Lebensbund (Heirat 1870).
Band 15 enthält 346, der folgende Band 360 Briefe und schriftliche Mitteilungen; viele davon sind zum ersten Mal in ungekürzter Fassung oder erstmals überhaupt publiziert. Grundsätzlich sind die Briefe im originalen Wortlaut und ohne Zusätze abgedruckt.
Imposant (allein schon im Umfang) der Anmerkungsapparat, der die Hälfte des Bandes beansprucht. Der Themenkommentar in Band 15 widmet sich den Aufenthalten, der finanziellen Situation, den Konzerten (samt aufgeführten Werken) und Konzertreisen, den nicht verwirklichten Konzertplänen und den Kompositionen. Band 16 erläutert die Themen Reisen und Aufenthalte, Wagner zwischen Mathilde Maier und Cosima von Bülow, Wagners Wiener Schulden, die Wagner-Rezeption des Kronprinzen Ludwig, Wagner und die Königliche Kabinettskasse, die Werke aus dem Jahr 1864.
Die Kommentare zu den einzelnen Briefen geben einlässlich Auskunft über Quellen, Probleme der Textgestaltung, die Stellung eines Schreibens in der Korrespondenz mit dem jeweiligen Partner und über Details, die zum Verständnis der Klärung bedürfen. Den Schluss bilden Register der Adressaten, der Personennamen und Firmen, der Institutionen sowie das Verzeichnis der im Band erwähnten Werke Wagners und der Literatur.
Die «Sämtlichen Briefe», ein Ruhmesblatt der Wagner-Forschung und eine editorische Spitzenleistung, entfalten ihre Wirkung als aufschlussreiche Dokumente zur äusseren und inneren Biografie des Meisters, nicht zuletzt beeindrucken sie auch als Zeugnisse von kulturhistorischem Rang. (ws)
Richard Wagner: Sämtliche Briefe. Band 15, Briefe des Jahres 1863, herausgegeben von Andreas Mielke. Mit s/w-Abbildungen. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2005. 760 Seiten. € 48,–.
Richard Wagner: Sämtliche Briefe. Band 16, Briefe des Jahres 1864, herausgegeben von Martin Dürrer. Mit s/w-Abbildungen. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2006. 752 Seiten. € 48,–.