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Die Folgen der Finanzkrise für das Musikleben

Von Wolfgang Böhler

 

10.10.2008 — Müssen Kulturveranstalter befürchten, dass die spektakuläre Finanzkrise negative Auswirkungen auf ihre Unternehmungen haben wird? Banken und Versicherungen gehören ja zu den wichtigsten Sponsoren − namentlich von Konzerten und Musikfestivals. Eine schwierige Frage. Im Moment ist in dieser Hinsicht eigentlich nur etwas sicher: Wer den Sponsoringabteilungen von Finanzinstituten diese Frage jetzt naiverweise direkt zu stellen beabsichtigt, kann mit Sicherheit nicht mit einer Antwort rechnen, die in irgendeiner Weise irgendwelche faktische Aussagekraft hat. Betrachtet man die Dinge nüchtern, so kommt man allerdings zum Schluss, dass vermutlich kaum Anlass zur Besorgnis besteht. Sponsoringstrategien werden langfristig aufgegleist, mögliche Streichungen kämen also erst zum Zug, wenn die Krise vermutlich bereits vorbei wäre und wären deshalb kontraproduktiv. Das kurzfristige Herunterfahren von Kultur-Engagements durch die Banken würde zur Zeit wiederum ein fatales Zeichen setzen und den bereits erlittenen massiven Imageschaden noch verstärken. Die Banken werden sich also hüten, so etwas auch nur ins Auge zu fassen.

Ein kurzfristiges Problem ergäbe sich natürlich im Falle eines Konkurses eines Finanzinstitutes. Und obwohl das bislang Undenkbare, die Zahlungsunfähigkeit etwa einer UBS oder Credit Suisse, von Branchenbeobachtern zumindest theoretisch angedacht wird, dürfte es kaum dazu kommen. Unsere Wirtschaftsministerin Doris Leuthard hat ja bereits klar signalisiert, dass der Bund so etwas nicht zulassen würde.

Und noch etwas ist zu bedenken: Banken adressieren mit ihren Sponsoringaktivitäten vor allem die Privatkunden, und das Private Banking läuft im Gegensatz zu den kollabierenden Investmentbereichen ja überdurchschnittlich gut. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass die Finanzkrise im Verhältnis zwischen Finanzinstituten und Kulturveranstaltern (kurzfristig) viel ändern wird. Auf der andern Seite ist jetzt aber auch sicher nicht der Moment, um weitreichende Sponsoringabkommen mit Grossbanken auszuhandeln. Letztere werden sich zunächst neu − oder überhaupt mal wieder − orientieren müssen. Sie werden sich genau überlegen müssen, welche Schäden ihre Reputation genommen hat und welche Massnahmen sie treffen könnten, um diese zu beheben. Und dazu ist es jetzt, wo es vor allem gilt, Brände zu löschen und die Verheerungen zu begrenzen, noch zu früh.

Etwas anders ist die Situation bei den Regionalinstituten, zum Beispiel den schweizerischen Kantonalbanken. Da ist nun, weil einige Kunden ihr Geld bei den Grossbanken abziehen und in diese sicheren Häfen verlegen, mehr Geld vorhanden. Mit diesem muss etwas unternommen werden. Möglicherweise bringt man die staatlich abgesicherten Finanzinstitute deshalb sogar dazu, mit normalen Krediten Projekte zu stützen, denen solches bislang versagt geblieben ist. Allzuviele Illusionen sollte man sich aber auch da nicht machen. Auch die Regionalbanken werden sich vorläufig abwartend verhalten. Die Finanzwelt ist in einer Art Schreckstarre, und da wird jetzt weder auf die eine noch auf die andere Seite viel bewegt. Und riskiert schon gar nicht. Mit dem Wort «Risiko» löst man bei Kreditberatern zur Zeit bloss Schweissausbrüche und Herzrhythmusstörungen aus.

Bleibt die Frage, was die privaten Sponsoren tun werden. Da kann es sein, dass der eine oder andere grosszügig auftretende Mäzen nun in Verlegenheit ist, weil er sich verspekuliert hat und Zuwendungen oder Zusicherungen zu solchen zurückzieht. Es gibt ja genug Beispiele für versprochene Gelder, die nie ausbezahlt worden sind − mit all den hässlichen gerichtlichen Folgen.

Und das Publikum? Wird es nun eher zuhause bleiben, nun da die Börsenparty vorbei ist? Da wagt wohl im Moment niemand eine Prognose.

Fazit: Erdbeben in Sachen Kulturfinanzierung sind nicht zu erwarten, viel Dynamik allerdings auch nicht. Möglich, dass der eine oder andere Veranstalter oder Nachwuchsförderer den Gürtel wird enger schnallen müssen. Im schlimmsten Fall dürfte es zu einer Bereinigung kommen, welcher Anlässe mit nicht zwingendem Profil zum Opfer fallen könnten. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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