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22.06.2007 — Kulturschaffende können überaus rührig werden, wenn ihnen der Entzug ihrer Fördertöpfe droht – wie dies mit Blick auf die beabsichtigte Streichung der Werkbeiträge des Bundes der Fall ist. So wirft etwa der Schriftsteller Guy Krneta Jean-Frédéric Jauslin, dem Direktor des Bundesamtes für Kultur, auf der Webseite der Autorinnen und Autoren der Schweiz in einem offenen Brief «ignorantes Tun» vor – und eine «Kulturpolitik gänzlich ohne Kulturschaffende» betreiben zu wollen, beziehungsweise letztere aus dem Stiftungsrat der Pro Helvetia gedrängt zu haben.
In Grunde genommen haben es sich die «Kulturschaffenden» allerdings selber zuzuschreiben, wenn sie von den Entscheidungsprozessen rund um die Verteilung von Fördergeldern mehr und mehr ausgeschlossen werden. Weitaus weniger rührig waren sie nämlich, als es unter dem bisherigen partizipativen Regime der Kulturpolitik darum gegangen wäre, die Chance zu ergreifen, in Eigenreige eine glaubwürdige und transparente Förderpolitik aufzubauen.
Vielmehr haben sie jahrzehntelang eine Opferrolle kultiviert, in der jede Form der staatlichen Förderung als eine Art Kompensation für gesellschaftliches Unverstandensein betrachtet worden ist – notabene ohne dass es den Betroffenen wirtschaftlich wesentlich schlechter gegangen wäre als Wissenschaftlern, Sozialpädagogen oder Bergbauern, die mit ähnlichen existentiellen Problemen zu kämpfen haben und es ebenso schwer haben, zu Unterstützungsgeldern zu kommen.
Die Kunst- und Kulturschaffenden haben keinen nachhaltigen Diskurs darüber in Gang gebracht oder in Gang gehalten, was denn griffige und zeitgemässe Kriterien dafür wären, welche Kunst- und Kulturprojekte gefördert werden sollten. Es war ihnen lieber, dass die Beurteilung von Qualität und Relevanz ihrer Arbeit nicht zuviel öffentliches Interesse weckte. So haben sie auch Zustände, wie sie etwa im Gravitationszentrum der Neuen Musik Zürich herrschen, klaglos hingenommen. Da ist Alfred Zimmerlin, selber ein zeitgenössischer Komponist, zugleich musikalischer Leiter der städtisch geförderten Neue-Musik-Reihe und Hofberichterstatter der «Neuen Zürcher Zeitung» (wir sind weit entfernt davon, ihm daran eine persönliche Schuld zu unterstellen).
Sie haben auch nicht dagegen protestiert, dass die Kriterien zur Vergabe von Geldern in den Bestimmungen der Pro Helvetia so vage formuliert sind, dass es im Grunde genommen der Gnade der entsprechenden Gremien überlassen ist, wohin die Gelder fliessen sollen und damit die Arbeit der Kulturstiftung politisch angreifbar bleibt. Kritik an derartigen Zuständen wird mit der Behauptung unterdrückt, die Kultur habe es schon schwer genug und müsse nicht noch zusätzlich öffentlichen Angriffen ausgesetzt werden.
Dabei wird mit ungleichen Ellen gemessen: Wenn etwa Forschungsbeiträge für Gentechnik oder Atomkraft geprochen werden, steigen auch Kunst- und Kulturschaffende schnell einmal auf die Barrieren und verlangen als Bürgerinnen und Bürger mitreden und -entscheiden zu können. Wenn der Durchschnittsbürger dasselbe bei der Förderung von Kunst tun will, werfen ihm dieselben Kreise Borniertheit, Kleinbürgertum und Inkompetenz vor.
Das falsche Selbstbild des gesellschaftlich an den Rand gedrängten und unverstandenen Kulturschaffenden hat dazu geführt, dass sich der öffentliche Diskurs über brisante Themen in Wissenschafts- und Wirtschaftskreisen heute lebhafter, differenzierter und produktiver präsentiert als die öffentliche Kunstdebatte. Kunst und Kultur versagen gerade auf dem Gebiet, das sie selber immer als ureigene Aufgabe beschwören: Kontroversen setzen sie bloss in Gang, wenn sie belehrende, aber unbeteiligte Beobachter sein können, und politische und soziale Realitäten reflektieren sie bloss, solange es nicht die Folgen ihes eigenen Tuns betrifft. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
