Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Die Kultur verpasst eine historische Chance

Von Wolfgang Böhler

 

21.11.2008 — Nie war die Zeit so günstig, um eine kulturpolitische Diskussion zu führen, wie heute. Mehr noch: Nie hat eine politische und wirtschaftliche Situation wie die heutige förmlich danach geschrien, in der Schweiz Aufgaben und Chancen der Kultur- und Kreativwirtschaft zu thematisieren. Kaum einer dürfte widersprechen, wenn davon ausgegangen wird, dass unser ganzes Wirtschaftsgefüge zur Zeit in bisher unvorstellbarer Art und nicht minder unvorstellbarem Tempo umgeschichtet wird. Die Finanzindustrie, bislang eine der tragenden Säulen unseres ökonomischen Selbstverständnisses, bröckelt nicht nur; sie belastet die Volkswirtschaft mit nicht anders als gigantisch zu bezeichnenden Lasten und Risiken. Unsere Exportindustrie kämpft mit den Folgen des hohen Frankenkurses und den Folgen der Agonie der Automobilhersteller und anderer globaler Produktionszweige.

Es wäre also dringend angezeigt, sich grundsätzliche Gedanken darüber zu machen, welche Stärken die europäische Wirtschaft im allgemeinen und die schweizerische im Besonderen im globalen Wettbewerb in den kommenden Jahren konkurrenzfähig halten werden. Die Kreativ- und Kulturwirtschaft dürfte zweifelsohne eine davon sein, und es wäre dringend angezeigt, Strukturen zu schaffen, um diese besser in Position zu bringen − etwa spezielle Fördermodelle für Jungunternehmen auf dem Gebiet, oder Teilhabe an Konjunkturförderprogrammen, oder auch neue kreative Ansätze für ökonomische Vitalisierungsspritzen. Letzteres sollte ja eine Kernkompetenz von Literaten, Musikern, Theaterschaffenden und Malern sein.

Der Zufall will es, dass zur Zeit auch noch das geplante Kulturförderungsgesetz (KFG) in den eidgenössischen Räten behandelt wird und überdies zwei Volksinitiativen das Kulturleben thematisieren: Zum einen «jugend + musik», welche die Musikbildung in der Verfassung verankern will, zum andern «Für Geldspiele im Dienste des Gemeinwohls», die ein Licht auf das Schicksal der hunderte von Millionen Franken wirft, die über die kantonalen Lotteriefonds in die Kulturförderung fliessen.

Wird die einmalige historische Chance genutzt, um die Kultur zum politischen Thema zu machen, lustvolle Debatten anzureissen und die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass die hiesige Wirtschaft ohne kräftige Stütze von Künstlern und Kreativen in der weltweiten Bedeutungslosigkeit versinken wird?

Man hört nur donnerndes Schweigen.

Suisseculture? Schweigt. Der Schweizer Musikrat? Sitzt aufs Maul oder übt sich in Selbstzerfleischung. Der Verband der Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS)? Verteilt vor dem Bundeshaus Lexika und sorgt sich um die soziale Sicherheit der Literaten (aber doch wenigstens das). Action Swiss Music? Organisiert lieber ein Sonderangebot für verbilligte otoplastische Gehörschütze als seine Mitglieder wirtschaftspolitisch zu mobilisieren. Der Schweizerische Tonkünstlerverein? Verweist auf die Stellungnahme von Swissculture zur Vernehmlassung zum KFG von Juni letzten Jahres. Das war’s denn auch schon.

Selbst Comedia, einst eine recht bissige Mediengewerkschaft, feiert in Anwesenheit hochrangiger Politiker lieber nostalgische Jubiläen, als auf den verbalen Putz zu hauen. Und Visarte, der Berufsverband der visuell schaffenden Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz, veranstaltet lieber Workshops zum organistorischen Umgang mit Künstlernachlässen, als sich Perspektiven zur Zukunft der Branche auszumalen.

Man möchte fast darauf wetten, dass nach dem Abschluss der politischen Arbeiten zu KFG und Initiativen und in einem sich abzeichnenden wirtschaftlichen Aufschwung, in dem die Politik dann halt bloss Finanzbranche und Industrie den Rücken stärken wird (weil diese für ihre Interessen immer wieder konsequent lobbyieren), wieder ein Wehklagen losgehen wird, wie sträflich die Schweiz die Kultur vernachlässige und marginalisiere.

Ach ja, die armen, armen Künstler.

Was für ein verqueres Denken. Offenbar hat es sich bei den Betroffenen noch nicht wirklich herumgesprochen, dass man für die eigenen Interessen kontinuierlich selber kämpfen und historische Chancen dazu schlau, konsequent und vereint nutzen muss. Das gilt für Handel und Chemie genauso wie für Banken, Gewerbler und Bauern. Und es gilt halt eben auch für die Kreativ- und Kulturwirtschaft. Es gibt aber offengestanden wenig Anlass zur Hoffnung dass sich bei denen, welche für sich immer wieder in Anspruch nehmen, die Schweiz zu bewegen, sich selber etwas bewegen wird. Dazu sind in diesen Kreisen viele zu sehr mit sich selber, mit Futterneid und dem eigenen privaten Elend beschäftigt. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar