14.01.2005 — (Rev. 02.04.05) «Signographie» hat der in Leipzig tätige Typograph Andreas Stötzner die «Lehre des graphischen Zeichens» getauft, nachdem er erstaunt festgestellt hat, dass das Gebiet bislang nicht wirklich systematisch erforscht worden ist und vor seinem Taufakt nicht einmal einen angemessenen Namen erhalten hat. Nach ein wenig Pröbeln, ob irgendeiner der im Umfeld von Typographie und Semiotik verfügbaren Begriffe es nicht auch getan hätten, staunen wir mit: Stötzner hat Recht, und seine Wortschöpfung ist nicht von schlechten Eltern.
Um der Disziplin auf die Beine zu helfen, hat Stötzner eine kleine, aber überaus liebevoll und verständig redigierte Schriftenreihe ins Leben gerufen. Die bislang vorliegenden sieben Bändchen beschäftigen sich mit grundsätzlichen Erörterungen des Themas, dem «et»-Zeichen, den Zeichen des Geldes, dem Punkt in der Musiknotation, der Signaletik im öffentlichen Raum, dem universalen Zeichensatz Unicode und der Verschriftung der Gebärdensprache.
In «Der Punkt in der Musik» von Karin Paulsmeier, einer ausgewiesenen Spezialistin für musikalische Notationskunde, wird etwa ein scheinbar marginaler Aspekt der Notenschrift aufgegriffen, der – wenn man es streng nimmt – signographisch eigentlich eher uninteressant sein müsste. Denn die Frage, wie Punkte denn nun graphisch ausgestaltet werden (etwa mit Tusch und Feder oder im Petrucci-Font) kann vermutlich nicht einmal Perfektionisten vom Stuhl reissen oder zu revolutionär-visionären Neulösungen inspirieren. Darum geht es in dem Bändchen aber nicht. Paulsmeier spürt vielmehr zahlreichen syntaktischen Funktionen des Punktes in der Frühzeit der Notenschrift nach: der Gliederung von Zeitabschnitten, der Anzeige von Oktavlagen, Alterationen und Mikrotonintervallen oder der Kodierung von Fingersätzen und Artikulationsanweisungen.
Zwar wird damit nicht eine geschlossene Systematik erreicht, der Punkt als grafisches Zeichen stellt mit Blick auf alle diese Aspekte der musikalischen Grammatik nämlich nicht mehr als eine zufällige thematische Klammer dar. Dennoch bieten Paulsmeiers Erörterungen faszinierende Einblicke in die Entstehung der modernen Notenschrift. In einem Zusatzessay erfährt man überdies Interessantes zur grafischen Gestaltung von «Schlusspunkten» in Partituren. Da kann etwa mitverfolgt werden, wie sich der Doppelstrich als Anzeige des Endes eines Stückes historisch konstituiert.
Paulsmeiers Bändchen enthüllt aber auch eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Reihe und dessen Umsetzung. So interessant die Ausführungen zum «Punkt in der Musik» auch sind, so wenig treffen sie tatsächlich das Kernthema, es geht in den beiden Abhandlungen nämlich nur sehr marginal um die grafische Gestaltung der mit dem Punkt gelösten Aufgaben – nur etwa dann, wenn Farbe als Substitut für die sonst vom Punkt übernommene Aufgabe ins Spiel kommt. Ansonsten wird eben vor allem die grammatische Funktion des Punktes und nicht dessen faktische Darstellung abgehandelt.
In seiner Einführung zu Paulsmeiers Text stolpert der Herausgeber überdies in die klassische Falle der Verwechslung von Zeichen und Bedeutung (siehe Anmerkung am Ende des Textes). Als Definition des Punktes erwähnt er die mathematische, dass «ein Punkt ist, was eine Lage, aber keine Grösse hat.» Damit ist aber eben gerade nicht das angesprochen, was Thema einer Signographie sein müsste – die grafische Gestaltung des Zeichens – sondern dessen Bedeutung. Im Widerspruch dazu geht es in den folgenden Ausführungen denn wie erwähnt auch um alles andere als diese klassische Bedeutung des Punktes als ausdehnungsloser geografischer Ort.
Die aktuelle Ausgabe der Reihe zur Verschriftung der Gebärdensprache muss das Interesse aller wecken, die sich mit «Languages of Art», der fundamentalen Arbeit Nelson Goodmans zur Charakterisierung von Symbolsystemen, beschäftigt haben. Die Musikphilosophen zählen speziell dazu, weil Goodman in eben diesem Buch seine berühmt-berüchtigte, auf der Partiturtreue basierende Identitätstheorie zu musikalischen Werken entworfen hat. Ausgangspunkt des 1968 erschienen Buches ist die Frage, ob es möglich ist, eine Notation für den Tanz zu entwickeln. Dabei listet Goodman genau die skeptischen Einwände auf (und entkräftet sie), die für eine Notation der Gebärden auch gelten können, nämlich dass der Tanz als Bewegungskunst, «die unendlich subtile und verschiedenartige Ausdrucksformen und dreidimensionale Bewegungen eines oder mehrerer hochkomplexer Organismen aufweist, bei weitem zu kompliziert sei, um von irgendeiner Notation erfasst werden zu können» (wir zitieren nach der zwar im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen, ansonsten aber keineswegs empfehlenswerten deutschen Übersetzung des Buches). Goodman exemplifiziert seine Überlegungen an Fragmenten der Labanotation von Rudolf Laban, deren Ursprünge auf die 1920er Jahre zurückgehen.
Eine Notation von Elementen der Gebärdensprache könnte als derjenigen von Tanz äquivalent betrachtet werden, geht es doch darum, Bewegungen eines Körpers im Raum adäquat zu beschreiben. Ein gewichtiger Unterschied setzt die Notation der Gebärdensprache allerdings nicht in dem Masse dem Verdacht der mangelnden semantischen Disjunktivität aus, dem Goodman die Labanotation überantwortet: Hinzu kommt nämlich eine semantische Ebene von normierten Bedeutungen, welche die einzelnen Gebärdenzeichen bereits individuiert. Die Frage bleibt dann nicht mehr wie im Falle des Tanzes, ob eine Bewegung korrekt notiert, sondern ob der Sinn der Gebärde transparent kommuniziert wird.
Die Kommunikationsdesignerin Conny Löffler beschreibt in ihrer Einführung drei Systeme der Notation etwas genauer: die sogenannte Hamburger Notation («HamNoSys»), das Sutton Sign Writing und ihre eigene Weiterentwicklung des letzteren zu Deafmax. Das Sutton Sign Writing geht bezeichnenderweise auf eine Tanznotation zurück. Die Ballerina Valery Sutton hatte sie für eine dänische Ballettgruppe entworfen, um historische Schrittfolgen für die Nachwelt zu dokumentieren. Ein Spezialist der Universität Kopenhagen ermunterte sie in der Folge, daraus eine Notation für die Gebärdensprache abzuleiten.
Viele der Detailüberlegungen zur Logik und Systematik der Notation, die Löffler ausführt, sind für den Sprachphilosophen überaus anregend und spannend, und ihre Weiterentwicklung im grafisch ansprechenden Deafmax-System scheinen – soweit dies für einen dem Gebärden Unkundigen überhaupt zu beurteilen möglich ist – sinnvoll.
Eine Grundfrage bei der Definition von Symbolsystemen scheint sich Löffler allerdings nicht wirklich zu stellen. Die Auslassung, die ebenfalls den Mangel an konzeptioneller Schärfe der ganzen Reihe spiegelt, zeigt sich in der abschliessenden Forderung, dass «alles auf ein allgemeines gestographisches Modell – analog zum Modell des Alphabetes – zulaufen» müsse. «Das bedeutet», meint Löffler weiter, die verbindliche Festlegung der Anzahl und der Bedeutung aller Zeichen, also sämlicher Gesteme unabhängig von ihrer grafischen Ausformung.»
Der nicht gefällte Grundsatzentscheid betrifft die Frage, ob Deafmax eine bestimmte Gebärdensprache, etwa die der Deutschen Taubstummen, abbilden soll, oder ob es ein System zum Beschreiben von Gesten unabhängig von der ihnen innerhalb einer Sprache konventionell zugewiesenen Bedeutungen sein soll. Erst in diesem Fall – in dem eben die Zeichen und nicht die Bedeutungen abgebildet werden – könnte es nämlich als universale Notation für alle möglichen Gebärdensprachen dienen. Dann aber ist eine «verbindliche Festlegung der Anzahl und der Bedeutung aller Zeichen» aus kategorischen Gründen nicht machbar. Für eine Kodierung der Notation in einem Zeichensatz wie Unicode müsste aber Letzteres geleistet werden, wenn nicht eine bestimmte Sprache vor allen andern ausgezeichnet werden soll.
Anm.: Man hat uns zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass wir in der ersten Fassung des Textes die Verwechslung von Zeichen und Bedeutung des Punktes Karin Paulsmeier angelastet haben. Für die ungerechtfertigte Zuschreibung entschuldigen wir uns bei der Autorin.
(wb)
Signa, Beiträge zur Signographie
Heft 4 (2002): Karin Paulsmeier, Der Punkt in der Musik
Heft 7 (2004): Conny Löffler, Die Verschriftung der Gebärdensprache
erschienen in der Edition Wächterpappel der Denkmalschmiede Höfgen.
Infos und Angaben zur Bestellung, respektive Abonnierung der Reihe: www.signographie.de