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Die Memoiren des Dirigenten Kurt Sanderling

13.01.2005 — «Ich habe mich mein Leben lang als Deutscher gefühlt, als deutscher Jude, aber Jude eigentlich leider weniger, mehr als Deutscher. Erst jetzt wird mir richtig klar, wie ich durch mein Judesein eigentlich geprägt wurde, nämlich von frühester Kindheit an immer Aussenseiter zu sein, immer die Akzeptanz erzwingen müssend und nicht immer könnend.»

Kurt Sanderling, 1912 in Arys im ehemaligen Ostpreussen geboren, ist der älteste noch aktive deutsche Dirigent, der die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts nicht nur aus Distanz zur Kenntnis genommen, sondern hautnah miterlebt und in vielen Phasen miterlitten hat: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Stalinismus in der Sowjetunion, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, DDR, Wiedervereinigung Deutschlands.

Kurt Sanderling wollte nie seine Memoiren schreiben: «Das ist doch nicht wert, der Nachwelt überliefert zu werden.» Er lag, wie das vorliegende Buch Seite um Seite zeigt, falsch mit dieser Einschätzung. Es brauchte den Anstoss von aussen; Ulrich Roloff-Momin, von 1991 bis 1996 Senator für Kulturelle Angelegenheiten in Berlin, insistierte, bis Sanderling einwilligte, in Gesprächen sich zu erinnern an sein bewegtes Künstlerleben. Das gab dem Inhalt die Form einer lebendigen Diskussion, eines grossen, chronologisch fortschreitenden, inhaltlich gut gegliederten Interviews.

«Ich stamme aus einer Zeit, wo es noch sehr ausgeprägt war zu sagen: Lasst uns unsere Kunst machen, und die Politiker sollen Politik machen.» Heute, nach langen Berufsjahren in der UdSSR und in der DDR, meint Sanderling: «Es gibt kein Leben, auch des Kunstwerkes, ausserhalb der Politik.»

Erfahren musste er, wie ihn die Verwerfungen der Politik und der Zeitgeschichte erschütterten, in sein Leben und seine Tätigkeit als Musiker immer wieder vehement eingriffen. 1933 erhielt er, Korrepetitor an der Städtischen Oper Berlin, Berufsverbot. 1935 emigrierte er in die Tschechoslowakei, ein Jahr darauf in die Sowjetunion, wo er als Dirigent in Charkow und Leningrad wirkte; 1960 übersiedelte er nach Berlin-Ost, wurde Chefdirigent des jungen Berliner Sinfonie-Orchesters (BSO), 1964 auch der Dresdener Staatskapelle. In den Siebzigerjahren nehmen seine internationalen Verpflichtungen zu; 1977 beginnt seine Alterskarriere als Gastdirigent vieler bedeutender Klangkörper in aller Welt.

Sanderlings Rückblick bietet mehr als eine spannende Künstlerbiografie mit Meinungen über die Musik und das Musikleben, das Dirigieren, über Begegnungen mit Komponisten, Taktstockkollegen, Orchester, Instrumentalsolisten und Rezensenten. Die durch Roloff-Momin erfragte und aufgeschriebene Biografie ist der engagiert und (selbst)kritisch erzählte Bericht eines Zeitzeugen, eines, wie er sich selbst bezeichnet, «naiven Skeptikers». Sanderling lässt in plastischen Schilderungen und mit prononcierten Beurteilungen die Stationen seines Lebens in prägnanten Bildern vorbeiziehen: die Jugend in Ostpreussen und Berlin, die Ausgrenzung, die er als Jude erfuhr, die Jahre der Emigration in Stalins Diktatur, die Zeit in der Deutschen Demokratischen Republik und im wiedervereinigten Deutschland.

Von besonderem Umfang und Gewicht ist die differenzierte Schilderung des Kultur- und Musiklebens und des politischen Hintergrunds in der Sowjetunion von der Vor- bis in die Nachkriegszeit, auch der Situation in der DDR – Sanderling als Teilnehmender und scharf Beobachtender, als Begeisterter und als Enttäuschter. Alles in allem ein lebendiges, spannendes, widersprüchliches, persönlich gewichtetes Kapitel Kultur-, Sozial- und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Zu Wort kommen auch Sanderlings Frau Barbara, Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, Frank Schneider, Intendant des BSO, der Komponist Siegfried Matthus, Hans Pischner, stv. Minister und Intendant in der DDR, Musikkritiker Klaus Geitel, David Whelton, Managing Director des London Philharmonic Orchestra, und Markus Wolf, stv. Minister für Staatssicherheit der DDR.

Einen Blick auf Sanderlings Persönlichkeit und Wirken werfen in kurzen Stellungnahmen zudem russische und deutsche Weggefährten. Im Anhang finden sich das Aufführungsverzeichnis und die Diskografie. (ws)

Der Dirigent Kurt Sanderling. «Andere machten Geschichte, ich machte Musik.» Die Lebensgeschichte des Dirigenten Kurt Sanderling in Gesprächen und Dokumenten. Erfragt, zusammengestellt und aufgeschrieben von Ulrich Roloff-Momin. Parthas Verlag, Berlin. 431 Seiten. 40 Abbildungen. € 39,80. Fr. 69. –. Bei Amazon kaufen…

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