23.12.2004 — War in der römisch-katholischen Kirche bis Mitte der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts weltweit der Gesang des Gregorianischen Chorals im Rahmen liturgischer Handlungen lebendig und wirksam geblieben, so änderte sich dies nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962–1965). Obwohl die Kirchenoberen dem Gregorianischen Choral weiterhin den ersten Platz zugestanden, erlaubten sie «andere Arten der Kirchenmusik» für die nun volksnah in der Landessprache zelebrierte Liturgie. Wie das Kirchenlatein zog sich auch der Gregorianische Gesang in Nischen zurück.
Mit ungeahnter Breitenwirkung aber kam er vor einem Jahrzehnt aus der Verdrängung zurück: als «Canto Gregoriano» im CD-Doppelalbum (EMI, 1994), das auf schon historisch zu bezeichnenden Langspielplatten von 1973 basierte. Die Schola Cantorum der Benediktinermönche des Klosters Santo Domingo de Silos aus Spaniens Norden stiess eine Popularisierungswelle sondergleichen an – Gregorianischer Gesang als «classical crossover» verkaufte sich dies- und jenseits des Ozeans millionenfach. Und ebnete einer aktuellen theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit der einstimmigen vokalen Sakralmusik der mittelalterlichen Kirche den Weg.
Doch wann entstand der Gregorianische Choral, aus welchen Quellen schöpfte er, weshalb wurde er schriftlich fixiert, wie entwickelte er sich, und welche Einflüsse hatte er auf die Entfaltung der Musik?
Die Gregorianik ist einer der Aspekte, denen Bernhard Morbach, Redakteur und Moderator für Alte Musik am Rundfunk Berlin Brandenburg (bis 2003 Sender Freies Berlin), Schritt um Schritt nachgeht. Die Entwicklung durchs Mittelalter verfolgt er weiter, über Hildegard von Bingen und die Troubadours, Trouvères und Minnesänger, die Musik an Notre Dame in Paris und die Ars antiqua zur Ars nova, zu Guillaume de Machaut, zur Ars subtilior. In seine Musikgeschichte des Mittelalters – umfassend den Zeitraum von etwa 900 bis etwa 1400 – bezieht der Autor zudem die Situation in Italien, in England und auf der Iberischen Halbinsel ein.
Es geht Morbach (der sich mit seinem Buch an Freunde Alter Musik, Schüler, Studenten und Lehrer wendet) primär darum, die Musik jener fernen, für viele fremden Epoche nicht den vom Fortschrittsdenken diktierten Wertmassstäben auszuliefern: «So dürfen die Kompositionen aus der Frühzeit einer musikalischen Gattung oder eines Genres auf keinen Fall mehr nur als Grundlage oder Vorarbeit für Späteres und in der Regel Komplexeres gewertet werden.» Eine Binsenweisheit, sollte man meinen.
In sieben (zum Teil kontroversen) Thesen befassen sich Musiker und Wissenschaftler mit dem Wesen der Musik des Mittelalters, ihrer Interpretation und ihrem Stellenwert im heutigen Musikleben. Nach den Zeitgenossen kommen Gelehrte der Antike und Musikphilosophen des Mittelalters zu Wort mit Äusserungen zur musikalischen Ordnung der Welt, zur Dreiteilung in Musica mundana, humana und instrumentalis und zu den Sieben freien Künsten. Schade, dass diese nützliche Materialiensammlung, in der wohl für die Mehrzahl der Leser manches der Klärung und Vertiefung bedürfte, nicht in einer kritischen Auseinandersetzung und differenzierten Wertung aus aktuellem Wissensstand beleuchtet wird.
Morbach versteht es, Schritt für Schritt durch die Kultur des Mittelalters, ins Musikleben der Klöster und Kathedralen, der Burgen und Schlösser, der Städte und Dörfer, Gasthäuser und Gassen zu führen; er stellt Persönlichkeiten, Schulen, Gattungen, Formen, Kompositionen und Instrumente vor, anschaulich erzählend, übersichtlich gliedernd und viele (Schwarz-weiss-)Illustrationen, Quellenzitate, Notenbeispiele und zur Vertonung verwendete Texte heranziehend. Im Anhang bespricht er vierzig wichtige Einspielungen von Gregorianischen Gesängen bis zu Vokalmusik aus dem Spätmittelalter.
Integraler und hilfreicher Bestandteil des Bandes ist die beiligende CD, die Audio- und pdf-Textdateien (für Win und Mac) enthält. Es lassen sich 51 mit mittelalterlichen Instrumenten gesampelte (und im Buch besprochene) vollständige Kompositionen abspielen (die kürzeste dauert 21 Sekunden, die längste gut 5½ Minuten); deren Notensätze können gleichzeitig betrachtet bzw. auch ausgedruckt werden. Ebenfalls zu finden sind das Quellenverzeichnis und ein Glossar – praktischer wäre es, die Erläuterung der Fachtermini im Anhang des Bandes zu finden.
Das vorliegende Buch eröffnet eine geplante dreiteilige «Musikwelt»-Reihe von Bernhard Morbach. Der zweite Band befasst sich mit der Renaissance, der dritte mit dem Barock. (ws)
Bernhard Morbach: Die Musikwelt des Mittelalters. Neu erlebt in Texten, Klängen und Bildern. Mit über 50 Werken auf Audio+Daten-CD. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2004. 225 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. € 24,95. Fr. 44.90.