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Die Musik in der Renaissance

22.05.2006 — Waren das exorbitante multimediale Inszenierungen! Das Fest des Fasans am Hofe Philipps des Guten von Burgund im Jahr 1454 in Lille, die sommerliche Festa S. Giovanni in Florenz unter Lorenzo dem Prächtigen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die Münchner Fürstenhochzeit des bayerischen Erbherzogs Wilhelm V. mit Renata von Lothringen im Februar 1568. Da wurden Macht und Prunk opulent zur Schau gestellt, nicht weniger die Künste von Küche und Keller, welche in zum Teil grotesken Monumentalinstallationen aufgebaut waren. Zu den kulinarischen Freuden gab es Turniere und Theateraufführungen, Produktionen und Feuerwerk und an allen Ecken und Enden Gesang, Tanz- und Tafelmusik.

In seinem Buch «Die Musikwelt der Renaissance» widmet Bernhard Morbach, Spezialist für Alte Musik am Rundfunk Berlin Brandenburg, den Renaissancefesten ein eigenes Kapitel, trotz lukullischer Details natürlich unter dem höheren Gesichtspunkt, den die Musik dabei gespielt hat. In einer Welt ohne Massenmedien hatte, wie der Autor festhält, «jede Musikaufführung als solche Festcharakter».

Das sinnenfreudige Kapitel über die Festkultur mag zeigen, wie weit Morbach den Blick schweifen lässt über die Zeit der Renaissance, die er von ca. 1420 bis ca. 1600 ansetzt. In der Einleitung hält er fest, dass sich sein Buch an Hörer wendet, «die mit der Musik des 15. und 16. Jahrhunderts ein positives musikalisches Erlebnis verbinden, das wiederum nicht alle Aspekte der Überlieferung betreffen muss. Musik jedoch, die durch ihr klangliches ,So-Sein’ unmittelbar eine historische Distanz mitteilt, erweckt spontan ein Interesse an der Zeit, aus der sie stammt, aber auch ein Interesse an den Prinzipien, nach denen sie entstanden ist.»

Die geistes- und kulturgeschichtlich umwälzende Epoche der Renaissance auf der einen und die Prinzipien, Schöpfer und Werke der Musik aus jenen rund 180 Jahren auf der andern Seite bilden die Grundpfeiler von Morbachs detaillierter Untersuchung. Sie schliesst an seinen ersten Band «Die Musikwelt des Mittelalters» an, resümiert nützlicherweise die dort einlässlich behandelten, für die weitere Entwicklung grundlegenden Einsichten.

Den Wurzeln der Renaissance und den zeitgeschichtlichen Hintergründen – Einflüsse antiker und mittelalterlicher Autoritäten, humanistisches Denken, historische und soziale Bedingungen – widmet sich Morbach ebenso profund wie den diversen, teils sich widersprechenden Aspekten des Begriffs Renaissance.

Didaktisch geschickt holt der Autor seine Leserinnen und Leser aus der ihnen vertrauten Welt der Klassik ab, führt sie mit Unterstützung vieler (schwarzweiss reproduzierter) ikonografischen Quellen, Schritt um Schritt und die Fülle des Materials klar gliedernd (was sich auch typografisch vorteilhaft niedergeschlagen hat), in die Charakteristika der Renaissance ein. Breit dargestellt sind die Musik am Hofe, darunter Kunst und Kultur in Burgund, in Frankreich und Deutschland und «Il libro del Cortegiano» (1508 bis 1516), das europaweit massgebende Buch vom Hofmann des Italieners Baldassare Castiglione.

In eigenen Kapiteln befasst sich Morbach eingehend und die kompositorischen Techniken erläuternd sowie exemplarische Beispiele herausgreifend mit Messe, Motette, dem mehrstimmigen Lied (Chanson, Tenorlied; Madrigal, Villancico, Song), der solistischen Instrumentalmusik für Orgel, Cembalo, Laute und Vihuela, der Musik für instrumentales Ensemble und abschliessend der Musik zum Tanz (Tanzmeister und -lehrer, Tanztypen, -sammlungen und Drucke).

Der Bogen der Persönlichkeiten spannt sich über fünf Generationen grosser Meister, von Guillaume Dufay und Gilles Binchois, den um 1400 geborenen Gründervätern der frankoflämischen «Schule», über Johannes Ockeghem und Antoine Busnois, Josquin des Prés, Heinrich Isaac, Pierre de la Rue zu Adrian Willaert, Nicolas Gombert und Jacobus Clemens non Papa, Philippe de Monte und Orlando di Lasso, um hier nur einige der in Werk, Ausstrahlung und Wechselwirkung gewürdigten Komponisten zu nennen.

Morbach versteht es, in auch dem interessierten Laien zugänglicher Weise Einzelheiten in Musik, Musiktheorie, Kunst, Philosophie, Religion, in höfischer, stadtbürgerlicher und ländlicher Festkultur und das Lebensgefühl der Menschen in der Renaissance mit dem Blick auf die universalgeschichtlichen Zusammenhänge darzustellen und zu einem plastischen, farbenreichen Bild zu gestalten, wobei auch die in die Barockzeit führenden Entwicklungslinien (etwa das englische «In Nomine» als die Keimzelle der Kammermusik) herausgearbeitet sind.

Eine wertvolle Bereicherung und eine Vertiefung mancher im Buch dargestellten Aspekte bietet die beiliegende Audio- und Daten-CD (für PC und Mac). Im Ordner Texte finden sich ausführliche Biografien von 50 Komponisten samt Diskografie, das 15-seitige Bonus-Kapitel «Platonismus und Kosmologie» (Nikolaus von Kues, Marsilio Ficino, Ruber Fludd, Johannes Kepler), die Texte des Ordinarium missae (lateinisch und deutsch) und die Diskografie zu einzelnen Kapiteln.

Der Ordner Noten enthält die 83 im Text besprochenen Kompositionen als pdf-Dateien, die ausgedruckt werden können. 22 der Notenbeispiele wurden klanglich mit Hilfe digitaler Tonerzeuger realisiert; die Audiotracks sind auch auf CD-Playern abspielbar.

Grafische Signete, die den Text als Marginalien begleiten, verweisen auf die entsprechenden Daten der CD, verknüpfen das Buch mit ihr. Zusammen bilden sie ein spannendes, facettenreiches Panorama der Musik- und Gedankenwelt der Renaissance. (ws)

Bernhard Morbach: Die Musikwelt der Renaissance. Neu erlebt in Texten, Klängen und Bildern. Mit Audio-Daten-CD. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2006. 257 Seiten. € 24,95. Fr. 44.90.

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