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01.10.2010 — Was für eine Legislative wir doch haben! Die Musik hätte besseres verdient als grottenschlechte Verse und wissenschaftliches Halb- respektive Nichtwissen. Man muss anlässlich der Nationalratsdebatte zur Initiative «Jugend + Musik» bei den Befürwortern erheblichen Nachholbedarf in Sachen Musikwirkungsforschung anmelden. Auf allen Seiten ist auch unbeholfen gedichtet worden, wir kommen am Schluss darauf zurück.
Brigitta Gadient, Katharina Prelicz-Huber, Bea Heim, Barbara Schmid-Federer, Anita Lachenmeier-Thüring und Susanne Leutenegger Oberholzer behaupteten allesamt mit dem Brustton der Überzeugung, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Musik intelligenter, sozialer, fleissiger oder sonstwie kompetenter mache.
Ein Irrtum. Nachgewiesen hat die Wissenschaft davon nichts. Klingende Namen haben aber suggestives Gewicht. Lucrezia Meier-Schatz etwa behauptete, ein auf Kognitions- und Neurowissenschaften spezialisiertes Max-Planck-Institut (muss wohl das in Leipzig sein), hätte in einer Langzeitstudie «klar belegt», dass Musik die Sprachentwicklung fördere. Hinweise auf eine solche Studie sucht man am MPI vergeblich.
Pirmin Bischof wiederum pries die Resultate der Studie des deutschen Musikdidaktikers Hans Günther Bastian, als wären die nicht schon längst mehrfach widerlegt worden. Und Roberto Schmidt berief sich allen Ernstes auf den schon lange zum Treppenwitz der Wissenschaftsgeschichte verkommenen «Mozart-Effekt». Der besage, dass aktives Musizieren die Fähigkeiten eines Menschen verändern und positive Effekte auf die Gesundheit, das Lernen und das soziale Verhalten habe.
Kathy Riklin hat sich wenigtens da nicht aufs Glatteis gewagt, dafür aber einen falschen Gegensatz zwischen ökonomisch orientierter Gesellschaft und musikalischem Ausgleich beschworen. Auch nicht gerade zeitgemässes Denken.
Ruedi Noser war der einzige, der auf die fehlende Faktenbasis der Behauptungen hinwies – wenn auch unter dem unpassenden Label Pseudowissenschaftlichkeit. Nosers eigener Einwand gegen die Initiative war das Totschlagargument «Da chönnt ja jede cho». Es sei objektiv doch nicht richtig, dass in unserer Bundesverfassung zwei Schulfächer geregelt seien, nämlich Sport und Musik, und alle anderen Fächer nicht.
Wir warten auf eine Motion Nosers, welche die Streichung des Sportartikels verlangt. Die wird er aber nicht einreichen, denn als es ums Sportförderungsgesetz ging, erklärte er bloss Tage zuvor im gleichen Rat, dass der Sport eine wichtige Aufgabe habe und er der Meinung sei, dass diese für die Gesellschaft wichtige Aufgabe vom Bund gefördert werden können solle. Soviel zum Thema andere Belehren und sich selber in Widersprüche verwickeln.
Es gab auch kryptische Voten. So wollte Peter Föhn nicht den Bund dafür verantwortlich machen, dass böse Menschen keine Lieder kennen, und Elmar Bigger fragte nach, ob Musik Kultur in Englisch oder in der Muttersprache sei. Geri Müller verlangte nicht weniger wirr Menuette statt Minarette und erwartete vom Rat, dass er «aus einem Crescendo und einem Tango furioso» eine Operette zimmere, dank der die gebeutelten Kantonsfinanzen ihre Aufgaben besser bewältigen könnten.
Oskar Freysinger wiederum beschwor «ein paar Haken auf fünf Notenlinien», die Klangräume aufbauten, «Tonkathedralen, Schwingungen, die durch Mark und Bein dringen» und Türen zu Sphären öffneten, wo sogar Gott versucht sei, das Tanzbein zu schwingen. Man denke, so Freysinger weiter «an Schubert, der seine Lieder wie Balsam auf seine Wunden strich». Das hat er wirklich gesagt, im Ratsprotokoll kann man’s nachlesen.
Kein Wort hingegen fiel mit Blick auf das offensichtlichste Defizit, das Musikunterricht ausgleichen müsste. Es liefert eigentlich das einzige, aber dafür umso überzeugendere Argument, das zur Zeit für eine dezidierte Förderung des Musikunterrichtes angeführt werden kann: Man vergegenwärtige sich bloss einmal, wie viel Zeit Kinder und Jugendliche mit Musikkonsum verbringen und welchen Stellenwert sie der Musik in ihrem Leben aktiv oder passiv zuweisen.
Da ist es einfach staatspolitische Pflicht, sie mit den nötigen Kompetenzen auszustatten, damit sie diese so wichtige Dimension ihres Alltags differenziert, mündig und aktiv selber zu bestimmen lernen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
