06.10.2008 — «Dass in unserer Welt gerade die Musik des Barock zur Hintergrundmusik bzw. gar zu einer Art Geräuschkulisse erniedrigt wird, kann man beklagen. Aber verhindern kann man es nicht. Deshalb ist es sinnvoll und aus Respekt zu den Menschen, die in der Barockzeit musikalisch kreativ waren, geradezu geboten, sich einmal den ursprünglichen Bedeutungszusammenhang – also die Musikwelt des Barock – zu vergegenwärtigen. Wenn man unsere enorme Distanz zu dieser Welt erkennt, gewinnt man eine neue Nähe zu ihrer Musik – hoffentlich.» (Zitat aus Kapitel 6)
Bernhard Morbach, Programmgestalter und Moderator für Alte Musik am Rundfunk Berlin Brandenburg, holt in seinem Buch über die Musikwelt des Barock weit aus und schürft tief, um alle wesentlichen Aspekte auszuleuchten und den «ursprünglichen Bedeutungszusammenhang» zu klären. Wie er aus der Distanz, der zeitlichen, der emotionalen, der ästhetischen, der kompositionstheoretischen, Nähe und frische Aktualität zu formulieren versteht, macht die Lektüre Seite für Seite zu einer erfrischenden Auseinandersetzung mit der Epoche und dem Zeitgeist zwischen etwa 1600 und 1750.
Es geht dem Autor – er hat dies bereits in den beiden früheren Bänden «Die Musikwelt des Mittelalters» und «Die Musikwelt der Renaissance» überzeugend realisiert – nicht lediglich um Komponisten und ihre Werke, vielmehr auch um die bestimmenden sozialen, politischen, geistes- und kulturgeschichtlichen Hintergründe ihres Denkens und Schaffens. Das öffnet den mit den Themen Vertrauten neue Zugänge, schafft Querverbindungen und Übersicht, macht diese Trilogie durchaus auch interessant für eine in der Musik weniger heimische Leserschaft.
Das mit schwarzweiss reproduzierten ikonografischen Quellen sowie einigen Notenbeispielen gediegen und informativ illustrierte Buch besticht durch überlegten Aufbau, klare, mittels typografischer Elemente betonte Gliederung und didaktisch wie sprachlich lebendig und facettenreich dargestellte Inhalte.
Neben den zentralen Themenbereichen (wie etwa Gattungen und Formen in Instrumental- und Vokalmusik, Affektenlehre und Ästhetik, Naturbegriff und musikalisches Ordnungsdenken, die musikalische Temperatur, Komponisten und die Bedeutung ihres Schaffens, Musik als politische Machtdemonstration, massgebende Musiktheoretiker, historische und moderne Aufführungspraxis) finden sich unerwartete und originell aufbereitete Stoffe: Musik und Musikleben in fünfzehn ausgewählten Metropolen in Deutschland, Österreich, Italien, den Niederlanden, Frankreich und England (ein umfangreiches Kapitel); Komponistinnen vom Mittelalter bis zum Barock, von denen Werke als CD-Einspielungen vorliegen; die Barockmusik in Nord- und Südamerika sowie auf Kuba.
Der Anhang enthält Hinweise zu Quellenwerken und zur Sekundärliteratur, eine Übersicht über verschiedene Ostinato-Formen (notiert im Klaviersatz), das Register (Personen; Sachen und Orte) und listet den Inhalt der beiliegenden CD-ROM auf. Mit den einzelnen Buchkapiteln verzahnt sind deren pdf-Dateien und die hoch aufgelösten, überwiegend farbigen Reproduktionen von 56 Grafiken und Gemälden im jpg-Format (in der Marginalienspalte wird an betreffender Stelle auf sie verwiesen); darüber hinaus finden sich zusätzliche Dokumente.
Die über sechzig Musikalien, hilfreiche pragmatische Ergänzungen, wurden verständlicherweise nicht – wie in den Bänden zum Mittelalter und zur Renaissance – mit Audio-Dateien verknüpft. Unter den zusätzlichen Texten finden sich Abhandlungen von Johann Rist (1663), Abraham a Sancta Clara (1685), Talander (1694) und das «Musicalische Theatrum» von Johann Christoph Weigel (um 1720). – Alles in allem: eine CD-ROM mit einer Fülle an Stoff zum Lesen, Studieren, Betrachten und, nicht zuletzt, Amüsieren.
Zitat aus dem Buch:
«Wenn man die Musikgeschichte der barocken Metropolen, die ich für dieses Kapitel ausgewählt habe, unter dem Aspekt der Komponisten-Persönlichkeiten betrachtet, so stellt man eine rege Wanderschaft fest: Viele Komponisten begegnen uns vielerorts. Man kann geradezu von einem internationalen Netzwerk kompositorischer Kreativität sprechen. An ihm hatte auch der blühende Musikalienhandel einen großen Anteil. Durch diese internationale musikalische Kommunikation haben sich Stile verändert und neue gebildet. Und heute reisen nur noch die Stars eines rein reproduktiven Musikbetriebs wegen des Geldes um die ganze Welt…!» (Seite 126)
(ws)
Bernhard Morbach: Die Musikwelt des Barock. Neu erlebt in Texten und Bildern. Mit über 50 Werken auf CD-ROM. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2008. 301 Seiten. € 26,95. Fr. 48.50.