08.02.2005 — Für viele gehört sie nicht zur Noblesse der musikalischen Gattungen – die Operette, generell als kleinbürgerlich und oberflächlich, verstaubt und abgeschmackt etikettiert, kämpft seit über einem halben Jahrhundert um ihren einstigen guten Ruf. Einen vehementen und kenntnisreichen Fürsprecher hat sie in Volker Klotz, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart, Theaterkritiker, Dramaturg und Regisseur. Sein erstmals 1991, wiederum 1997 vom Piper-Verlag ediertes vitales, gross angelegtes Plädoyer ist nun bei Bärenreiter in erweiterter und aktualisierter Neuausgabe erschienen.
Volker Klotz, wortgewaltiger, keineswegs unkritischer Kämpe für die Operetten-Komponisten und die Charakteristiken und Werte ihrer Werke, widmet seinen Band zwar den Theater-Praktikern, um über sie einzuwirken «auf Spielpläne und Aufführungspraktiken der Bühne und anderer Aufführungsorte wie Funk, Fernsehen, Tonträger». Zweifelsohne aber findet die gewichtige Publikation Anklang unter «wissbegierigen Liebhabern, doch auch Beargwöhnern des musikalischen Theaters namens Operette». Es mangelt dem Buch an nichts, um dieser «unerhörten Kunst» neue Freunde zu gewinnen.
Der Verfasser charakterisiert aus verschiedenen Perspektiven die szenische, an Einzelzügen reiche Physiognomie der Operette und ihren musikalischen Ausdrucksspielraum. Die produktive Spanne der Gattung setzt er zwischen den 1850er und 1930er Jahren an.
Zweckmässig gegliedert ist das Kompendium, eigentlich zwei Bücher in einem. In dessen 200 Seiten umfassenden Teil I – «Durchgängige Eigenschaften der Gattung» – grenzt der Autor die Operette (auch Opéra bouffe oder comique, musikalisches Lustspiel, Comedia lirica, Sainete lírico) von anderen Spielarten des Theaters ab, während Teil II – «Besondere Eigenschaften der Gattung. Komponisten und Werke» – als Handbuch angelegt ist, in dem wichtige Werke einlässlich besprochen werden.
In der weiten Umschau von Teil I gehen Praxis und Theorie Hand in Hand. An Meisterstücken, Musterbeispielen und an Gegensatzpaaren zu diversen Themen arbeitet Klotz die Grundprinzipien dieser «besonderen Spielart von Musik-Theater» heraus; dazu gehört, um nur dies zu nennen, die Inversion der Machtverhältnisse des Alltagslebens, die illusionszersetzende Darstellung, die subversive Sprengkraft. Ausweitend deckt der Autor Bezüge auf zu Oper, Tanz, Schauspiel, Cabaret, Volks- und Avantgardetheater. Was in deutschsprachigen Lexika nur knapp abgehandelt wird, kommt hier in einem eigenen Kapitel zur Darstellung: die Zarzuela, die spanische Sonderform der Operette und deren herausragende Komponisten.
Sechzehn ganzseitige Farbtafeln (Titelblätter von Klavierauszügen) setzen einen aparten Akzent zwischen beiden Teilen des durch viele Schwarz-weiss-Abbildungen und Notenbeispiele bereicherten Bandes. Von Paul Abraham bis Carl Zeller sind im zweiten Teil 123 aufführungswerte Operetten von Komponisten aus elf europäischen Ländern versammelt, darunter auch 15 Zarzuela-Meister mit ihren Hauptwerken. Die nach Komponisten geordneten Artikel beginnen mit einer ausführlichen Biografie, gefolgt von detaillierten Besprechungen der Operetten bzw. Zarzuelas mit technischen Angaben (Librettist, Uraufführung, Fassungen, Personen, Orchesterbesetzung, Aufbewahrungsort des Autographen, Ausgaben), gründlicher interpretierender Schilderung der Handlung und einem in der Regel ausgedehnten persönlichen Kommentar.
An die Theater-Praktiker appelliert der Verfasser ausserdem mit einer Auswahlliste weiterer Vorschläge für deren Spielpläne. Ein Werk-Verweisregister und ein Personen- und Werkregister ermöglichen raschen Zugriff auf den üppigen Inhalt des Bandes.
Wie der Autor gründlich argumentierend die Spreu vom Weizen trennt, wie er in weitem Umblick zeitgeschichtliche, literarische, dramaturgische, soziale, psychologische und musikalische Analysen zu einer Gesamtschau fügt, mit Witz, Humor und Ironie, macht die Lektüre zu einem facettenreich ausgeleuchteten Porträt, zu einer eloquenten Erkundung der bunten Welt der Operette. Das engagierte Plädoyer von Volker Klotz ist ein spannendes, amüsantes, anregendes Standardwerk der «verkannten Kunst». (ws)
Volker Klotz: Operette. Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst. Erweiterte und aktualisierte Auflage. Mit vielen Abbildungen und Notenbeispielen. Bärenreiter Verlag, Kassel 2004. 869 Seiten. € 64,-. Fr. 115.-