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Die Prioritäten Zürichs in der Kulturpolitik

Von Wolfgang Böhler

 

10.04.2009 — Wenn auf einem Gebiet immer mal wieder der argumentative Wahnsinn Methode zu entwickeln scheint, dann kann man fast sicher sein, dass man sich in eine kulturpolitische Debatte verirrt hat. Etwa, wenn auf nationaler Ebene aufwendige Ratsdebatten organisiert werden, um eine Million Franken im Jahresbudget der Kulturstiftung Pro Helvetia zu verhandeln, während die Kantone über eine halbe Milliarde Kulturgelder aus den Lotterie-Einnahmen praktisch unkontrolliert verfügen können. Eine Million sind zwei Promille (!) von 500 Millionen. Kulturpolitik ist offenbar die Kunst des Definierens individueller Prioritäten.

Ähnlich absurd scheint auf den zweiten Blick die Lektüre des Tätigkeitsberichtes der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich. Da darf sich im Rückblick auf 2008 etwa die Zürcher Filmstiftung eingehend vorstellen. Wir erfahren auch, dass der Singkreis Zürcher Unterland in Bülach für ein Konzertprojekt 500 Franken erhalten hat, und der Kulturkreis Birmensdorf 325 Franken für eine kulturelle Veranstaltung. Über viele, viele weitere Projekte werden wir ebenfalls im Detail informiert (zum Beispiel über 400 Franken für die Camerata Concertante Gibswil und darüber, dass der Kanton für 25’000 Franken ein bewegtes Aluminium-Rahmenobjekt von Nelly Rudin aus Uitikon Waldegg gekauft hat).

Wir erfahren auch einiges über Finanz- und Lastenausgleich, über einen Kompositionsauftrag an Daniel Schnyder (25’000 Franken) und das Verständnis, das der Kanton für das Literaturhaus Zürich aufbringt, und dass er diesem zum Jubiläum seines zehnjährigen Bestehens deshalb 50’000 Franken zuschiebt.

Das also ist es, was Zürich in der Kulturförderung macht, und wofür der Fachstelle Kultur gemäss des Budgets 2008 des Kantons 83’947’400 Franken zur Verfügung gestanden haben (ohne Investitionsausgaben)?

Liest man den Bericht etwas genauer, ist eine recht gut versteckte Zahl allerdings nicht mehr zu übersehen: Das Opernhaus Zürich hat 2008 von den 83’947’400 Franken 75’740’042 Franken erhalten. Das sind nach Adam Riese 90 Prozent des kantonalen Kulturbudgets. In Worten: neunzig Prozent.

Aus dem Tätigkeitsbericht der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich erfahren wir also, dass der Kulturkreis Birmensdorf 325 Franken erhalten hat (ob er die wohl verdient hat? Es findet sich sicher ein Parlamentarier, der dazu beim Regierungsrat eine Anfrage deponieren möchte). Was mit 90 Prozent des Kulturbudgets des Kantons geschieht, darüber verliert der Tätigkeitsbericht der Fachstelle nicht ein Wort. Nicht einmal die simple Tatsache, dass 90 Prozent des Kulturbudgets des Kantons ins Opernhaus fliessen, findet er erwähnenswert.

Was geschieht mit dem vielen Geld? Ob man es glaubt oder nicht: Damit werden unter anderem Managerboni bezahlt. Zu entnehmen ist dies der Antwort des Regierungsrates auf eine Anfrage des Kantonsrates Hans Läubli und der Kantonsrätinnen Claudia Gambacciani und Esther Guyer. Er schreibt am 4. Juni 2008: «Vom Verwaltungsrat festgelegt wird der Bonus des kaufmännischen Direktors. Die Geschäftsleitung legt den Bonus des technischen Direktors fest.Weitere Boni erhalten Kadermitarbeiter und -mitarbeiterinnen. Für besondere Leistungen erhält auch weiteres Personal in Einzelfällen Boni. Die Boni sind von einem positiven Gesamtergebnis, der Kosteneinhaltung sowie weiteren qualitativen Kriterien abhängig.» Die Boni seien anstelle von Lohnerhöhungen eingeführt worden.

Nun sind (vermutlich bescheidene) Boni für Führungskräfte eines Opernhauses, die tatsächlich nur im Falle eines positiven Gesamtergebnisses ausbezahlt werden, wohl kaum mit den horrenden Gegenstücken für Banker zu vergleichen, die dafür ganze Volkswirtschaften in den Sand setzen.

In den Sand gesetzt werden im Opernhaus Zürich höchstens die Soldaten in einer «Aida»-Aufführung. Wie bescheiden der jeweilige Zustupf im Opernhaus ist, wissen wir aber nicht, denn der Geschäftsbericht des Hauses schweigt sich dazu aus (er schweigt sich überhaupt über die Tatsache aus, dass Boni bezahlt werden). Und interessanterweise schweigen auch die Politiker, die mit Blick auf Banken Boni-Systeme prinzipiell verurteilen, weil sie unweigerlich dazu führen, dass Mitarbeiter statt des Gemeinwohl vor allem den eigenen kurzfristigen Vorteil im Auge haben.

Trifft das in einem Opernhaus per se nicht zu? Sind Boni-Systeme dort per se eine Inkarnation buchhalterischer Unschuld? Dass kein Politiker (und keine Politikerin) diese Debatte sucht, lehrt uns ein Weiteres: Kulturpolitik ist, wenn Kulturmanager mit andern Ellen gemessen werden als Bankangestellte. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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