19.03.2007 — Wer ein Instrument beherrscht oder wer Musik zuhörend erlebt, dem ist die Sonate, das Klang- oder Spielstück, samt ihrer Form mit Exposition, Durchführung und Reprise ein Begriff, vielleicht gar der Inbegriff von «reiner» Instrumentalmusik. Gering ist die Zahl der Komponisten aus vier Jahrhunderten, die sich nicht mit der Sonate auseinandergesetzt haben.
Doch so einfach, wie es den Musikkundigen scheint, verhält sich die Sache mit der Sonate keineswegs. Denn von einer Gattungsgeschichte im engeren Sinn kann nicht die Rede sein, wie die materialreiche Untersuchung «Die Sonate. Geschichte – Formen – Ästhetik» von Thomas Schmidt-Beste belegt, das bisher umfassendste und gründlichste Buch zum Thema.
In vier Teile hat der Autor die Fülle des Stoffs geordnet und didaktisch klar aufgearbeitet. Das Studienbuch ist reich versehen mit Notenbeispielen und Tabellen, mit durch Raster unterlegten Schlussfolgerungen und Zusammenfassungen, mit Fragen und Aufgabenstellungen für Studierende – die Materie erschliesst sich selbstredend auch allen Interessierten, die keine der angeregten Analysen ausarbeiten möchten oder können.
Das Buch, hält Schmidt-Beste im Vorwort fest, «beschreibt vor allem Wandlungen und Entwicklungen, durchaus auch Höhepunkte und Ausnahmeerscheinungen, immer in möglichst enger Einordnung in den historischen Gesamtkontext. Erwartungsgemäß steht dabei, nach den verschiedensten Definitionen, die musikalische Faktur, die ,Form’ im Vordergrund (…)».
Definitionen: Teil I befasst sich mit den Definitionen der Sonate, dazu mit den ihr vorausgehenden Strukturen wie Canzonensatz, Tanzsatz, Fuge, Basso continuo, wie auch mit den auf sie folgenden (serielle, historische und postmoderne Techniken).
Formen: Im Hauptteil widmet sich der Autor den musikalischen Entwicklungen von Corelli (sonata da chiesa, sonata da camera) bis zum ausklingenden 20. Jahrhundert. Einlässlich zur Darstellung gelangen hier Sonatenzyklus und Sonatensatzform nach 1750, die Sonaten Beethovens und Schuberts, die Sonatenkomposition nach 1830 und jene im vergangenen Jahrhundert mit ihren unterschiedlichen Bezügen (z. B. Skrjabin, Prokofiew, Schostakowitsch, Reger, Hindemith, Debussy, Ravel, Satie, Boulez, Ives, Ferneyhough, Cage).
Funktion und Ästhetik: Beantwortet werden in Teil III Fragen zum gesellschaftlichen und ästhetischen Umfeld. Wer komponierte warum, in welchem Stil, mit welcher Absicht und für wen Sonaten, wer spielte, kaufte, hörte sie? Und ist sie absolute, «sprachlose» Musik?
Besetzungen: Im abschliessenden Kapitel erörtert Schmidt-Beste detailreich die Instrumentenbesetzungen von der Ensemblesonate im 17. und 18. Jahrhundert über die Epochen der Klavier- und der Duosonate bis in die Gegegenwart, bringt auch die Sonderfälle Sonate für unbegleitetes Soloinstrument und Orgelsonate zur Sprache.
Angaben zu Literatur und Noteneditionen sowie das kombinierte Namen-/Werkregister finden sich im Anhang. (ws)
Thomas Schmidt-Beste: Die Sonate. Geschichte – Formen – Ästhetik. Bärenreiter Studienbücher Musik, BSM 5. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2006. 271 Seiten. € 19,95. Fr.35.90. bei Amazon kaufen