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Die soziale Sicherheit der Künstler

Von Wolfgang Böhler

 

26.09.2008 — Dieser Tage wird im Schweizer Nationalrat neben dem Kulturförderungsgesetz auch die Frage der sozialen Sicherheit der Kulturschaffenden diskutiert. Das Zeitbudget für alles zusammen beträgt laut Sitzungsplan rund vier Stunden. Der grössere Teil dürfte für Polemik aus der rechtsbürgerlichen Ecke («Kultur ist Sache der Kultur!») und Bedenken der Finanzpolitiker («Kostenneutralität! Eigenverantwortung!») draufgehen. Man kann sich an den Fingern abzählen, welches Gewicht die Altersvorsorge und der Schutz vor Arbeitslosigkeit der Schweizer Künstler und Kreativen in dem Rat haben dürfte. Ausser dem Trauerspiel der Demontage eines Bundesrates interessiert die Volksvertreter zur Zeit nämlich vor allem ein Thema: Die Bewältigung der Krise auf dem Finanzmarkt. Interessant ist allerdings, dass die Forderungen, die da nun gestellt werden, im Grunde genommen dieselben sind, wie diejenigen der Kulturschaffenden, und dass da alles irgendwie zusammenhängt.

So hat etwa Nationalrat Ruedi Noser in einer «Arena» des Schweizer Fernsehens dringlich (und natürlich richtigerweise) darauf hingeweisen, dass die Wirtschaft Sicherheit über die künftigen Entwicklungen brauche. Stabilität sei kritisch, um Unternehmen dazu zu motivieren, in ihre Entwicklung zu investieren. Genau dies ist im Grunde genommen aber auch das Kernproblem eines Künstlers.

«Konventionelle» Unternehmen bringen Geschäftspläne zu Papier, deren Grundlinien entlang sie ihr Geschäft weitertreiben. Dabei kämpfen sie mit viel Unwägbarkeiten, und selten erreichen sie am Schluss die Ziele, die sie sich gesetzt haben. Dennoch ist das Instrument des Geschäftsplanes mehr oder weniger brauchbar, sonst wären die Dinger nicht so populär.

Die kreative Entwicklung eines Künstlers folgt jedoch beinahe vollkommen chaotischen Gesetzen (sie erreicht ihre Ziele, das muss auch einmal gesagt werden, bei genügend Talent am Schluss aber genauso). Um investieren zu können − und Investieren heisst bei Künstlern in der Regel über Zeit und seelisches Gleichgewicht zu verfügen, um der Kreativität freien Lauf lassen zu können − müssten sie auch Sicherheit über ihre zu erwartenden Einkünfte haben. Sonst tun sie dies genauso wenig wie das KMU für Autozubehör oder das Büro für Wirtschaftsprüfungen.

Nun gehen Sie als Künstler mal zu einer Bank, die nach den Kreditlinien von Basel II arbeiten muss, und erklären Sie ihrem Kreditberater, dass Sie in den kommenden sechs Monaten mit einem Einkommen von soundsoviel Franken rechnen, weil sie wahrscheinlich eine Skulptur überarbeiten werden, die ihr Galerist vielleicht wiederum an einer Gruppenausstellung an einen Sammler verkaufen kann, dass sie aber möglicherweise auch eine Schaffenskrise haben werden, aus der dafür im nächsten Jahr eine spektakuläre Installation resultieren wird, die ihnen den kantonalen Kulturpreis oder ein Werkjahr der Pharmaindustrie eintragen wird.

Wenn der Kreditberater Humor hat, wird er mit ihnen gemeinsam herzlich über ihren Geschäftsplan lachen und dann versuchen, sie als Kleinsparer zu gewinnen. Wenn nicht, können sie auch die Hoffnung aufgeben, jemals Stipendiat der Stiftung der Bank zu werden, zu deren Werkbeitrags-Verleihung der Bankdirektor schöne Worte darüber finden wird, wie ihre Skulpturen das Raum-Erleben gänzlich neu definieren, die Wahrnehmung in bislang ungekannte Dimensionen führen und das Menschliche in der Dreidimensionalität auf zwingende Art neu entdecken etc. etc.

In der Start-up-Szene spricht man von der Phase zwischen Produktentwicklung und Unternehmenswachstum vom sogenannten «Death Valley», weil für den da fälligen Schritt der Markteinführung von Produkten keiner Knete rausrückt. Es gibt dieses Todestal auch für Künstler, und nicht wenige durchqueren es mit Hilfe von Aufträgen, die sie von etablierten Kreativunternehmen (Werbern, Medien, Webagenturen, Computerspiel-Produzenten und so weiter) erhalten. Diese wiederum vergeben solche Aufträge, wenn sie selber über Geld verfügen, mit dem sie ihre eigene Entwicklung weitertreiben können. Ihre Geschäftspläne sind aber leider auch nicht gerade der Stoff, aus dem die Herzenswünsche von Risikokapital-Gebern geformt werden. Letztere wollen auch Planungssicherheit und zudem hohe Renditeaussichten. Na ja, Fehlanzeige.

Dass die Kreativwirtschaft über eigene Formen der Förderung verfügen muss, hat sich in unserem nördlichen Nachbarland herumgesprochen: Die Investitionsbank Berlin (IBB) ist von der Berliner Senatsverwaltung mit der humorverdächtigen Zusatzbezeichnung «für Wirtschaft, Technologie und Frauen» (die heisst aber wirklich so, Ehrenwort!) vor kurzem damit beauftragt worden, spezielle Förderangebote für die Kreativwirtschaft anzubieten.

Umfassen sollen diese die Auflage eines Fonds für Beteiligungskapital, Zwischenfinanzierungen für Spiele-Entwickler und Coaching-Angebote für die Kreativbranche. So etwas würde auch der Schweizer Kreativszene guttun. Wenn man dabei gleich noch Auflagen zur Berücksichtigung der Sozialversicherungs- und Vorsorgebedürfnisse der indirekt an diesem Tropf hängenden Nachwuchskünstler machen würde, wäre auch ein wichtiger Schritt getan. So könnte man Künstler in jungen Jahren im Todestal, in dem sie an alles ausser an ihre soziale Sicherheit denken, ans Thema heranführen und sie finanziell in dieser Hinsicht bereits etwas polstern. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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