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Die verpasste Chance der Kulturförderer

Von Wolfgang Böhler

 

10.03.2006 — Im täglichen Sprachgebrauch wird häufig zwischen den Ausdrücken «Kunst» und «Kultur» gewechselt, also ob die Bedeutungen der beiden deckungsgleich wären. Die Gleichsetzung treibt ausgerechnet dort die seltsamsten Blüten, wo eine Abgrenzung am meisten angezeigt wäre, nämlich dort wo (viel) Geld ins Spiel kommt: in der Kulturförderung, respektive Kunstförderung, respektive Kunst- und Kulturförderung oder keinem von beiden – so genau weiss das eben eigentlich niemand.

In welchem Verhältnis stehen die beiden denn nun wirklich zueinander? In der postmodernen Logik, die an dieser Stelle schon einmal gegeisselt worden ist (Unwort des Jahres), ist eh alles Kultur, und damit die Kunst ein Teil davon. Das ist nicht so ganz falsch, aber auch nicht wirklich richtig, und dienlich ist es schon gar nicht. Kunst verhält sich zu Kultur etwa so wie schöpferische Mathematik zur Buchhaltung oder der Bau von Häusern zum Wohnen.

In Sachen Kultur gibt es eine hochoffizielle Definition einer hochoffiziellen Organisation, nämlich der Unesco. Diesem weltpolitischen Schwergewicht haben sich auch die Schweizer Kulturförderer gebeugt, welche die Charakterisierung zur Grundlage des künftigen Kulturförderungsgesetzes (KFG) gemacht haben: «Als Kultur gelten die Künste, sowie die Werte, Werke und Güter aller Art, die unser Herkommen bezeugen, damit zum Verständnis der Gegenwart beitragen und mithelfen die Zukunft zu gestalten.»

Man überliest es beinahe, aber «die Künste» und die restlichen Aufgaben des Kulturbetriebs werden hier verbal fein säuberlich getrennt, was fatalerweise aber keine Folgen zeitigt, weil die beiden trotzdem nicht unterschiedlich behandelt werden. Bösartig ausgelegt könnte man die Definition deshalb sogar als den impliziten Versuch deuten, die «Kunst» und «die Werte, Werke und Güter aller Art, die unser Herkommen bezeugen» zwecks Gleichschaltung unter einem Dach zu vereinen.

In Wahrheit verfolgt Kunst aber einen ganz andern – gar konträren – Zweck als Kultur. Kunst stellt Traditionen in Frage, wo Kultur sich selber als Tradition versteht; Kunst will verunsichern, wo Kultur identitätsstiftend wirken will; Kunst bricht mit Regeln, Kultur legitimert solche; Kunst ist ein erkenntnistheoretisches Forschungsprojekt, Kultur ein soziales Phänomen.

Der Konflikt äussert sich in schöner Regelmässigkeit in politischen Querelen, die sich oberflächlich an einem scheinbaren Mangel an angenehmem Wesen und «Kunstfertigkeit» eines Anstoss erregenden Kunstwerkes entzünden. Diesen Konfliktherd räumt das geplante KFG nicht beiseite. Im Gegenteil: Es vergrössert die unproduktiven Reibungsflächen zwischen dem «Mann von der Strasse» und den Künstlern, indem es sowohl Kultur als auch Kunstschaffen dieselbe Aufgabe zuweist. Wieso das der grundsätzlich falsche Ansatz ist, wird hier im Detail erläutert. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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