11.01.2007 — Keine Rede könne davon sein, «dass der Komponist Giacomo Puccini in all seiner Subtilität wirklich bekannt wäre», folgert Dieter Schickling. Das für seine Opern verfügbare Notenmaterial, voll von verfälschenden Eingriffen Dritter, fördere geradezu «schludrige Aufführungspraktiken», und die «schlampige Interpretenwillkür» übersteige im Fall Puccini gar das gewohnte Mass: «Kein Dirigenten- oder Sängername ist groß genug, um die unerhörte Leichtfertigkeit zu legitimieren, mit der diese Stücke musiziert wurden und häufig noch werden.» Puccinis Seelendramen hätten «die schändliche Einfallslosigkeit und Belanglosigkeit ihrer allermeisten Inszenierungen jedenfalls nicht verdient».
Dieter Schickling, unermüdlicher Puccini-Forscher, Vorstandsmitglied des «Centro studi Giacomo Puccini» in Lucca (das die Gesamtausgabe der Werke und Briefe des Komponisten vorbereitet) und Autor des ersten umfassenden Puccini-Werkverzeichnisses (2003), ist allerdings kein dem italienischen Veristen mit Haut und Haar ausgelieferter Lobsänger. Im Gegenteil: Seine Puccini-Biografie nimmt nicht zuletzt ein durch den Wechsel zwischen Nähe und Distanz, zwischen Innen- und Aussensicht und gewinnt dadurch differenzierte Einblicke in den Charakter des Musikers, sein wechselvolles Leben und die Eigenheit seines Werks. Der Autor öffnet dadurch den Lesenden – seien es Puccini-Fans oder -Kritiker – von Vorurteilen befreite Möglichkeiten der Auseinandersetzung.
Wo und weshalb Schickling auf Abstand geht, aber auch warum er Puccini als einen Komponisten in der Nachbarschaft der neuen Musik, als einen Menschen zwischen Tradition und Moderne in der Krise des europäischen Bewusstseins würdigt, begründet er einlässlich und nachvollziehbar, stilistisch geschliffen, mit analytischem Spürsinn, Kombinationsvermögen und psychologischer Sensibilität.
Die Fülle des Stoffes hat der Autor – der Dank des Lesers ist ihm gewiss – klar strukturiert: Einem biografischen, jeweils zeitlich eingegrenzten Kapitel folgt ein dem Hauptwerk des betreffenden Abschnitts gewidmetes Kapitel, in dem die Oper inhaltlich und in ihrer Bedeutung ausführlich gewürdigt und analysiert wird.
Die Biografie Puccinis (1858–1924) liest sich wie der üppige Roman eines italienischen Bohémiens, Freund seiner selbst und der Jagd, Liebhaber attraktiver Frauen, grosser Häuser, schneller Autos und Motorboote, der zwar die Umbrüche vom spätabsolutistischen regionalen Fürstentum über die konstitutionelle nationale Monarchie des geeinten Italien und den Weltkrieg bis zu den ersten Jahren des Faschismus erlebt – der verschlungene Weg eines krisen-, skandale- und affärenanfälligen Künstlers mit politisch schlichter Denkweise von Enttäuschungen zu Hoffnungen, von Depressionen zu Höhenflügen.
In chronologischer Folge, gestützt auf viele Dokumente, schildert Schickling Puccinis Vita in plastischer Art vor dem Hintergrund der sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen um die Jahrhundertwende, am Beginn der musikalischen Neuzeit.
Im Zentrum die Welt seiner Kunst: die kompositorischen Gehversuche, die Rückschläge des Anfängers, die mühsame Suche nach Stoffen und Textbüchern, die Einflüsse, der Durchbruch, die Arbeitsprozesse und Stilwandel, Blockaden und kreativen Schübe, Misserfolge und Triumphe, die biografischen Bezüge und die politischen Implikationen in seinen Opern, die Erfahrungen mit Librettisten, Verlegern, Dirigenten, Sängerinnen, Sängern, Komponisten, die Reaktionen von Publikum und Presse, die Rezeption seines Werks, hauptgewichtig ein Dutzend Opern, darunter die unvollendete «Turandot».
Der Anhang umfasst das detaillierte Verzeichnis von Puccinis Aufenthalten, Reisen und Theaterbesuchen, die Quellennachweise und Anmerkungen, das Literatur- und das Abbildungsverzeichnis sowie zwei Register (Personen und Puccinis Werke).
1989 erschien der Band zum ersten Mal – seither kann die Puccini-Forschung in vielen Aspekten grosse Fortschritte verzeichnen. (Allerdings verweigert seit Jahren die Puccini-Erbin Simonetta die wissenschaftliche Aufarbeitung des Nachlasses, und auch sonst ist eine grosse Zahl von Dokumenten unzugänglich oder verschollen.) Dieter Schickling legt nun die reich illustrierte, aber ohne Notenbeispiele auskommende Biografie in überarbeiteter und stark erweiterter Form vor: ein den aktuellen Stand der Forschung referierendes, massgebendes Werk zur Person Puccini, seines Schaffens und seiner Zeit. (ws)
Dieter Schickling: Puccini. Biografie. Erweiterte Neuausgabe. 463 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Carus-Verlag, Stuttgart / Reclam-Verlag, Stuttgart 2007. € 39,90. Fr. 69.40.