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15.11.2013 — Die Thurgauer Ständerätin Brigitte Häberli-Koller thematisiert in einer Interpellation (13.3670), die in der kommenden Session im Bundeshaus behandelt werden sollte, die Bestrebungen darum, auch auf Fachhochschulstufe einen Doktortitel erwerben zu können. Sollen die Fachhochschulen (FH) in dieser Hinsicht mit den traditionellen Unversitäten gleichziehen dürfen? Die Frage ist komplexer, als man im ersten Moment vermuten könnte, speziell mit Blick auf Forschungen und Ausbildungen zur Musik.
Mit Blick auf eine dritte Ausbildungsstufe an den Fachhochschulen werden zwei Aspekte gerne implizit vermischt: Grundlagenforschung und zweckfreies Nachdenken ‒ an den Unis zuhause ‒, sollen zum einen höheren Wert haben als angewandte Forschung, wie sie den FH anvertraut ist. Studierende an einer Uni sollen zum andern höher qualifiziert sein als solche an einer FH, sprich: qualitativ mehr und Bedeutenderes leisten. Der Denker schlägt den Techniker, der Gelehrte den Handwerker. Im simplen traditionell-bürgerlichen Schema wird ersterer sogar gerne als der moralisch Überlegene betrachtet.
Das ist alles nicht haltbar, wenn man die mittlerweile breit akzeptierte Einsicht in den holistischen Charakter der Wissenschaft berücksichtigt. Reine und angewandte Forschung lassen sich gar nicht auseinander dividieren. Eine pragmatische Trennung sagt nichts über die Bedeutung und Tragweite einzelner Beiträge zum wissenschaftlichen Gesamtgebäude aus. Die Hierarchisierung von Uni und Fachhochschule ist ein Überbleibsel monarchistisch-ständischer Gesellschaftsordnungen, in denen reflektierender Müssiggang als Privileg des Adligen und handwerklich-praktische Arbeit als Schicksal des Untertanen betrachtet wurde.
In Sachen Musikforschung ist die Hierarchie mittlerweile am Kippen. Während an den Musikwissenschaftlichen Instituten der deutschsprachigen Unis bloss noch salbungsvoll überlebter Schöngeist konserviert wird, entwickeln die Fachhochschulen (FH) in Sachen Musikforschung eine ungeahnte Dynamik, dank der Etliches an Defiziten ‒ vor allem in den Systematischen Musikwissenschaften ‒ aufgearbeitet werden kann. Man kann die Prognose wagen, dass sich die Frage, welche Relevanz universitäre und fachhochschulische Forschung da haben, zunehmend durch die faktischen Auswirkungen der beiden Entwicklungslinien von selber beantworten wird.
Der Bundesrat drückt sich in seiner Antwort auf die Interpellation der Thurgauer Ständerätin etwas um eine klare Stellungnahme. Im zuständigen Departement dürfte man sich bewusst sein, dass es hier nicht um eine systematische Frage geht, sondern um (den Fortschritt leider hemmende) Machtfragen innerhalb der Wissenschaftsgemeinde. Die Hauptaufgabe der FH werde, so die gouvernementale Antwort, auch in Zukunft «in der praxisorientierten Ausbildung von Spitzenkräften sowie in der anwendungsorientierten Forschung im Dienste von Wirtschaft und Gesellschaft bestehen». Ein Promotionsrecht der Fachhochschulen lasse sich daraus nicht ableiten.
Da werden mit Verlaub zwei Dinge unzulässig vermischt: Die Themen, zu denen geforscht wird, und die Qualitätsstufen, die dabei erreicht werden können. Wird den FH ein dritter Ausbildungsgang verweigert, werden Bedeutung und Qualität ihrer Forschungsgebiete mutwillig beschnitten. Nicht die Frage, ob FH Doktorate betreuen dürfen, stellt sich, sondern die Sicherung der wissenschaftlichen und intellektuellen Qualität. Die Idee, basierend auf einer Durchlässigkeit der Studiengänge junge Forscherinnen und Forscher an einer FH einen Masterstudiengang absolvieren zu lassen, nur um sie nachher an einer Uni doktorieren zu lassen, ergibt keinen Sinn und läuft bloss auf eine Machtdemonstration der Unis hinaus.
Uni und FH haben unterschiedliche, aber gesamtwissenschaftlich-systematisch betrachtet gleichwertige Denkkulturen. Das Zulassen von Doktoraten an einer Fachhochschule und damit der Ganzheitlichkeit der FH-Kulturen bedeutet nichts anderes als die Einsicht, dass wir nicht mehr in metaphysischen Zeiten leben, in denen verwinkeltes und wichtigtuerisches Spekulieren mehr galt als pragmatisches, realitätsnahes Erwerben konkreter handwerklicher Fertigkeiten. Die FH muss das Recht haben, ihre eigene Wissenschaftskultur auf höchstes Niveau zu bringen. Gesellschaftlich und politisch kann dies nur von Nutzen sein. Wissenschaftstheoretisch ist es die einzige konsistente Haltung. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
