![]() |
21.09.2012 — Die Welt geht wieder einmal unter. Das tut sie regelmässig, wenn Kulturinstitutionen Umbaupläne oder Neuorganisationen ankündigen. Und der öffentlich-rechtliche Kultursender DRS2 ist ohne Zweifel eine Institution. Ein Artikel in der «Medienwoche» hat viele aufgeschreckt: Vieles soll im Schweizer Kulturradio neu definiert werden.
Man kann die Aufregung ein wenig verstehen: Die Begründungen der Verantwortlichen sind – vorausgesetzt die Darstellung der «Medienwoche» vermittelt ein korrektes Bild – nämlich tatsächlich nahe an aufgeblasener Phrasendrescherei (sehr nahe daran). Ein wichtiges Motiv bringt die SRF-Kulturchefin Nathalie Wappler aber auf den Punkt: Der Sender habe sich über die Jahrzehnte unkoordiniert entwickelt und sei jetzt «in den gewachsenen Strukturen gefangen.» Man müsse deshalb «einen Befreiungsschlag wagen.»
Das erinnert etwas an die Verlautbarungen des gescheiterten früheren BAK-Filmchefs Nicolas Bideau mit Blick auf die staatliche Förderung audiovisueller Medien, an den Ruf nach einer «Ligne éditoriale», mit der eine wilde Truppe unberechenbarer Individualisten auf obrigkeitlichen Kurs gebracht werden soll.
Eine wilde Truppe unberechenbarer Individualisten prägt zur Zeit die Inhalte von DRS2 («wild» ist dabei zugegebenermassen eine gutmeinende Etikettierung, vieles könnte durchaus auch etwas weniger brav daherkommen). Das ist auch gut so. Mehr Struktur könnte in der naturgemäss chaotischen Kulturberichterstattung (sie gleicht dem Geist, den sie begreift, der Kultur selber nämlich) zu formaler und inhaltlicher Verarmung führen.
Wird das Fernsehen in der Konvergenz von Radio DRS und Fernsehen SF zum grossen Bruder? Nimmt man die Vorbilder von SF 1 als Massstab, dann wäre davon nichts Gutes zu erwarten. Über die mittlerweile unbedarften Sendungen «Kulturplatz» und «Box Office» etwa, die ihren Befreiungsschlag schon hinter sich haben, möchte man sich wenigstens ärgern können. Es geht leider nicht, weil man vorher schon vor Langeweile einschläft. Übernimmt bei der Konvergenz die Fernsehkultur den Lead, dann dürfte es gröbere Probleme geben.
Einige der Motive zum DRS2-Umbau scheinen aber berechtigt. Tatsächlich hat das Tagesprogramm wenig Profil; die am Morgen eng aufeinanderfolgenden Sendungen «Kontext» und «Reflexe», die exzellent gemacht sind, unterscheiden sich wenig voneinander, und DRS2 aktuell wird am Mittag zum dümmsten Zeitpunkt – in einem DRS1-Nachrichtenfenster – gesendet. Das DRS2-Tagesprogramm etwas aufzupeppen, scheint legitim.
Die inhaltlich sehr anspruchsvollen Abendsendungen mit Weltklasseniveau wie «Diskothek im Zwei», «Jazz Collection», «Musik unserer Zeit» oder das sonntagnachmittägliche «Parlando» mit Einschaltquoten-Denken unter Druck zu setzen, käme hingegen einem Schildbürgerstreich gleich.
DRS2 (oder neu «SRF 2 Kultur») wird wie kaum ein anderer Sender vom Ende des linearen Radiohörens profitieren. Die auch als Podcasts genutzten Hintergrund-Sendungen sind Perlen im öffentlich-rechtlichen Radioangebot. Man muss sie stärken, nicht schwächen. Und noch mehr auf handwerkliche Brillanz und inhaltliche Qualität setzen.
Änderungen kann man allerdings erst dann wirklich beurteilen, wenn sie umgesetzt worden sind. Man sollte den SRF-Machern also zunächst mal eine Chance geben. Nach wie vor gilt nämlich Giuseppe Tomasi di Lampedusas Einsicht, dass sich alles ändern muss, wenn es so bleiben soll, wie es ist. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
