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Ein Ast oder etwas Anzügliches?

Von Wolfgang Böhler

 

28.04.2006 — Einmal mehr werfen die Aktivitäten des Centre Culturel Suisse in Paris Wellen. Konservative Kreise monieren das Plakat zur Ausstellung «Aller/Retour 2», auf dem David Rengglis Skulptur «Der Apfel fällt nicht» abgebildet ist. Dabei handelt es sich um ein von einem Baumstamm abstehendes rotes Aststück, unter dem ein schwarzer Apfel hängt. Die Skulptur wird auf dem Plakat von einem um 45 Grad gedrehten Schweizer Kreuz überdeckt. Der Sinn des Ganzen ist offensichtlich ein Spiel mit Assoziationen rund um einen erigierten Penis und einen Zensurbalken. Wen wundert’s? Renggli wird im Katalog zur Ausstellung als Künstler porträtiert, der unter anderem gerne mit provokativen Symbolen arbeitet.

Man kann das Plakat subtil-witzig finden, man kann es auch billig finden, oder – und zu dieser Ansicht neigen wir am ehesten – kokett um der Koketterie willen. «Der Apfel fällt nicht» selber ist ein Objekt ohne appellativen Charakter. Bei seiner Nutzung für das Plakat wird die implizite Symbolik mit dem Zensurkreuz zur semantisch schmalbandigen Causerie. Das müsste Renggli eher ärgern. Pointen verlieren ihren Charme, wenn man den Betrachter dazu nötigt, sie lustig zu finden.

Etwa so vorhersehbar wie die Symbolik des Plakates (nicht des Objektes selber!) ist der Protest gegen diese Art von Ästhetik aus der rechtsbürgerlichen Ecke. Man kann’s auswendig herunterbeten: obszön, Schmuddelkunst, eine Beleidigung der Schweiz, unpatriotisch und so weiter und so fort.

Glaubt man einer Meldung der Berner Tageszeitung «Der Bund», hat Mario Annoni, der neue Präsident der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia (oder «prohelvetia», wie sie sich neuerdings stylish schreibt) zu dem Plakat und dem Aufruhr den dümmlichsten aller möglichen Kommentare gegeben: «Ich habe da nur Äste gesehen.»

Das lässt eigentlich nur zwei Interpretationen zu: Entweder ist Annoni in Sachen Lesen von Kunst vollkommen überfordert, was allsogleich dazu führen müsste, ihn seines Postens als Kulturförderer wegen Inkompetenz wieder zu entheben; oder sein Ausspruch muss als augenzwinkernde Ironie gesehen werden, die zu verstehen gibt, dass man auf die Debatte gar nicht eintreten sollte. Letzteres ist aber genauso frivol wie das Plakat selber – und es ist eines Kulturfunktionärs nicht würdig, weil es signalisiert, dass man im Grunde genommen weder den Bürger noch die Kunst ernst nimmt.

Der rechtsbürgerlichen Kritik müsste entgegnet werden. Selbstverständlich sieht die Skulptur wie ein erigierter Penis aus, und selbstverständlich darf sie das. Und ja, man darf sich darüber ärgern. Man darf es dümmlich und primitiv finden. Aber verbieten darf man es nicht. Und man darf eine Kulturförderung, die auch diese Aspekte des zeitgenössischen Kunstschaffens zur Kenntnis nimmt, keinen politischen Schikanen ausliefern. Und Politiker, die der Kunstförderung ins Tagesgeschäft zu reden glauben müssen, sollen sich doch bitte die Zeit nehmen, sich damit auch wirklich auseinanderzusetzen. Solche Aussagen erwarteten wird von den Exponenten der Kulturförderung.

«Ich habe da nur Äste gesehen» hingegen ist eine defätistische Form der Verweigerung einer Kunstdebatte. «Ich habe da nur Äste gesehen» meint, es lohne sich nicht, mit konservativen «Kulturbanausen» zu diskutieren. Dass Annoni nur Äste gesehen hat, bleibt hoffentlich ein einmaliger Ausrutscher. Wir erwarten vom neuen Präsidenten der Pro Helvetia (oder meinetwegen prohelvetia), dass er sich darauf freut, engagierte Debatten zu führen – auch und gerade mit Kreisen, die der Kunstschickeria und ihren ästhetischen Codes fern stehen. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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