![]() |
12.11.2010 — Vor einigen Tagen hat Bundesrätin Doris Leuthard als Noch-Vorsteherin des Eidgenössischen Volkswirtschafts-Departements in Bern einen Masterplan Cleantech vorgestellt. Er dient dazu, «die positive Entwicklung der Unternehmen mit Cleantech-Anwendungen durch einen Schulterschluss zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik zu stärken.» Die Kreativwirtschaft kann eine derartige Initiative nur mit einem gewissen Neid zur Kenntnis nehmen, gleichen sich wichtige Merkmale und Kennzahlen der beiden zukunftsträchtigen Gebiete doch auffällig: Beides sind typische Querschnittbranchen, die Dienstleistungen für andere erbringen; die Grössenordnungen und sicher auch die Zukunfts- und Wachstumsperspektiven entsprechen sich.
Laut Zahlen der Bundesverwaltung (respektive des Dritten Zürcher Kreativwirtschaftsberichts) waren 2008 in der Cleantech-Branche 155’000 bis 160’000 Personen tätig (in der Kreativwirtschaft über 200’000 Personen). Dies sind rund 4,5 Prozent aller Beschäftigten in der Schweiz in der Cleantech (5 Prozent in der Kreativwirtschaft). Mit einer jährlichen Bruttowertschöpfung von geschätzten 18 bis 20 Milliarden Franken leistete Cleantech im Jahr 2008 einen Beitrag von 3 bis 3,5 Prozent an das Bruttoinland-Produkt (BIP). Die Kreativwirtschaft erzielte 2008 bei einem Umsatz von 87,9 Milliarden Franken eine Bruttowertschöpfung von 20,5 Milliarden Franken, respektive einen Anteil am BIP von 4,2 Prozent.
Für den Masterplan Cleantech sind vier Ziele formuliert worden: Man will weltweit (wieder) führend in der Forschung werden, will erhebliche Fortschritte im Wissens- und Technologietransfer erzielen, führend in der Produktion von Cleantech werden und auch Cleantech mit dem Label Schweizer Qualität und «Swissness» verbinden.
Es gibt natürlich auch Unterschiede zwischen den beiden Branchen. Cleantech basiert auf «Intellectual Property», das heisst auf Patenten; ihr Zustand lässt sich deshalb anhand der Patentanmeldungen einfacher messen als derjenige der Kreativwirtschaft (laut Bericht zum Masterplan hat sich die Position im Zeitraum 2000 bis 2007 gegenüber der Periode 1991 bis 1999 verschlechtert).
Vergleichbare Zahlen für die Kreativwirtschaft sind schwieriger zu erheben. Zudem ist die Exportdynamik einer Ingenieurs-Branche besser zu vefolgen als diejenige der Kreativen. Das bedeutet aber nicht, dass die Kreativwirtschaft auch über die typischen Export-Gebiete wie Architektur, Design und Bildende Kunst hinaus im Aussenhandel nicht gewichtige Bedeutung haben kann.
Es hat einiges gebraucht, bis die politische Mitte in der Schweiz endlich eingesehen hat, dass Wirtschafts-Initiativen im Umfeld der ökologischen Wirtschaft für das Land wichtige strategische Bedeutung haben. Zu lange wurde das Thema als politische Waffe der Linken und Grünen im Kampf gegen das Establishment betrachtet.
Zu hoffen ist, dass der Lernprozess, der in Sachen Cleantech offenbar in Gang kommt, auch die Kreativwirtschaft vermehrt in den Horizont der liberalen Wirtschaftslobbyisten rückt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
