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03.07.2009 — Die Schweiz hat ein «Kulturministerium», leider nicht in der Bundesverwaltung des realexistierenden Bundeshauses der Bundesstadt Bern, sondern bloss als vegetarischen Ersatz in Form einer virtuellen Plattform. Diese ist als Kunstprojekt im Rahmen der Vorbereitungen auf ein Bieler Kulturforum im September 2005 realisiert worden. Für das «Ministerium» wird ein Minister gewählt, ein Kulturschaffender, der mit Interventionen, einem Tagebuch und der Organisation von Debatten auf die Anliegen der Kulturschaffenden der Schweiz aufmerksam machen will. Das «Kulturministerium»– es findet sich im Web unter der naheliegenden Adresse www.kulturministerium.ch – ist bislang vom Künstler Heinrich Gartentor und vom Schriftsteller Dominik Riedo geführt worden. Zur Zeit laufen Wahlen für Riedos Nachfolger. Unterstützt wird das Projekt vom Migros Kulturprozent, der Kulturstiftung Pro Helvetia und der Ernst Göhner Stiftung. Man ist also schon fast wieder unter sich.
Der derzeitige «Kulturminister» Riedo hat unter dem Titel «Heidis + Peters» eine Anthologie herausgegeben, in der Schweizer Kulturschaffende sich dazu äussern, wo sie die Aufgaben und die Stellung der Kultur in der Schweizer Politik sehen. Der Band illustriert ungewollt sämtliche Probleme, die sich zeigen, wenn die Betroffenen für sich in Anspruch nehmen, die Kulturpolitik mitbestimmen zu wollen, oder wie der Filmemacher Samir den grandiosen Traum träumen, dass sie «selbstbestimmt über ihre Förderung entscheiden».
Samirs ironischem «Rückblick aus der Zukunft» in dem Band kann man zugute halten, bereits mit den ersten Spekulationen ins Schwarze getroffen zu haben: Bundesrat Couchepin hat tatsächlich im Sommer des Jahres 2009 seinen Rücktritt erklärt. In der Folge arbeitet sich Samir allerdings am falschen Objekt ab, wenn er die Art verspottet, wie sich der Filmchef des Bundesamtes für Kultur (BAK) Nicolas Bideau als machtbegabter Funktionär inszeniert und damit sämtliches Porzellan zerschlägt, das sich zerschlagen lässt (der echte N.B. hat ja tatsächlich nicht einmal die kleinste Espressotasse ausgelassen). Das Zurschaustellen der Macht ist nicht das Problem, sondern im Kern sogar eine gute Idee (wir kommen gleich darauf zurück). Bideau scheiterte als Repräsentant des BAK nicht am Zynismus der Macht, sondern an der Tatsache, dass ihm diese Schuhe mindestens drei Nummern zu gross waren (wir sprechen bewusst in Vergangenheitsform, denn es werden bereits Wetten abgeschlossen, ob er vor oder nach Couchepins Abgang den Bühnenlift nach unten nimmt).
Riedos Anthologie offenbart deutlich die Schwächen der Position der Kulturschaffenden in der kulturpolitischen Debatte. Dass da statt politischer Biss eher Wiederkäuen bereits bekannter Themen und Thesen exerziert wird und sich die Choreografin mehr Beachtung für den Tanz, der Clown mehr derselben fürs komische Theater, die Bündner mehr für die Bünder Kultur etc. etc. wünschen, ist das eine. Der Band ist zum andern ein Exempel für den in den Kreisen der Kulturschaffenden offenbar tief verwurzelten Irrtum, Kulturpolitik müsse selber als eine Art Kunstwerk aufbereitet werden, um die «spezielle Optik der Künstler» deutlich zu machen: In dem Buch werden über weite Strecken fiktive Geschichten erzählt, fiktive Briefdialoge ausgesponnen, fiktive Lieder gesungen und sogar sinnfrei anmutende Szenen fiktiv inszeniert. Damit erreicht es das Gegenteil dessen, was es vermutlich möchte: Es bestärkt bei den Politikern die Überzeugung, die Kulturschaffenden seien eine wenig ernst zu nehmende Gruppe regressiver Tagträumer. Kulturpolitik ist eben mitnichten ein Kunstwerk. Sie besteht aus hartem Feilschen um Ressourcen und nüchternem Aufarbeiten nüchterner Argumente.
Vor allem aber vermeidet es die Anthologie, das einzige, was wirklich zählt, zu thematisieren: Die Machtfrage wird ausgeklammert oder verdrängt. Wie Franz Hohler mal gesungen hat: Es si alli so nätt. Weder werden Machtstrukturen analysiert und beim Namen genannt – als Verhinderer von Kultur dient ein anonymer, schwer fassbarer «Politiker», «Machthaber» oder ein diffuser «Neoliberalismus», der sich wie ein Gespenst durch die Texte zieht – noch wird versucht, Machtpositionen aufzubauen.
Vermutlich der einzige Weg, dies zu tun, zeigen die Gewerkschaften in der Sozialpolitik: Über deren kämpferische Auftritte kann man sich ärgern, über deren ruppige Art sich aufhalten, über ihre Machtspiele und klassenkämpferischen Parolen den Kopf schütteln, ihre Exponenten aus tiefstem Herzen hassen. Wenn die modernen Gewerkschaften verhandeln, dann fliegen die Fetzen, sie sind selber in Mobbing-Prozesse verwickelt, stellen ihre Helden der Arbeit gleich selber kalt (wie zur Zeit im Tessin) und machen sich auch sonst die Hände dreckig. Aber sie bewegen etwas. Und nur um das geht es im Grunde genommen in der Raum-, Wirtschafts-, Gesundheits-, Finanz-, Sozial- oder eben Kulturpolitik.
Der Kauf von Riedos Anthologie lohnt sich übrigens trotz all dieser Einwände, schon nur wegen des exzellenten Beitrags von Tim Krohn über die Eigenarten des Schweizer Kulturverständnisses. Der Auszug aus einer in London gehaltenen Rede spielt in einer Liga für sich.
(Angaben zum Buch: «Heidis + Peters. Vorsicht: Kulturraum Schweiz!», herausgegeben von Dominik Riedo, Verlag Pro Libro Luzern, ISBN 978-3-9523525-3-3). (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
