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17.05.2013 — An den Solothurner Literaturtagen haben sich mehrere Interessengruppen rund um den Büchermarkt zusammengetan (Autorenverbände, Buchändlerinnen, Urheberrechtsgesellschaften, Übersetzer, etc.) und eine «Solothurner Verlautbarung» formuliert. Sie glaubt, dass «die Literatur ein stärkeres Gewicht in der Öffentlichkeit, in der Kulturpolitik verdient». Die konkreten Forderungen reichen von einer «Schaffung von Koordinationsstellen zur Verbesserung der Literaturvermittlung zwischen Autoren, Verlagen und Schulen» über Quoten für Schweizer Bücher beim Einkauf von Bibliotheken», nationale Forschungsprojekte zu den «Auswirkungen des Lesens auf den Menschen» oder gezielte Verlagsförderung bis zur «Einführung eines täglichen Literaturtipps im Fernsehen zur besten Sendezeit».
Ausgeheckt hat das ein Thinktank oder Groupe de réflexion. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um nichts anderes als standespolitisches Lobbying für die Interessen einer Branche. Der etwas altertümliche Titel «Verlautbarung» knüpft bloss ans Selbstverständnis der Literaten (und Literatinnen, um sprachlich barbarisch, aber dafür politisch korrekt zu bleiben) früherer Zeiten an. Da hatte sich etwa eine Gruppe Olten noch mit Wut, Trauer und Betroffenheit zu allerlei unliebsamen politischen Ereignissen geäussert und Schriftsteller wurden als Festredner von gewichtigen Gruppen des öffentlichen Lebens (Schriftstellerinnen eher weniger) eingeladen – und die Zeitungen rissen sich ums Abdrucksrecht für die Reden.
Der Thinktank würde die Idee, er betreibe einfach Lobbying im Rahmen von Standespolitik, vermutlich zurückweisen. Literatur ist in seinen Augen – das signalisiert er mit dem Titel des Forderungskataloges ‒ mehr als bloss eine Wirtschaftsbranche. In der Verlautbarung haben denn auch so skurrile Forderungen Platz wie das «Suchen nach der Herkunft von Wörtern und öffentliches Diskutieren darüber», oder die «Benennung jener Literaturströmungen, die sich nicht in Kategorien pressen lassen». Die sollen dann «Stör» heissen.
Das macht alles einen recht hilflosen Eindruck: Zusammengewürfelt werden da Versuche, die Gestaltungshoheit über die Materie für die im Thinktank vereinten Gruppen zu reklamieren, mit Forderungen nach staatlichen Eingriffen zur strukturerhaltenden Stützung einer Branche, die im Umbruch ist ‒ in einem Umbruch, den Nostalgiker offenbar (und vermutlich zu Recht, vor allem die Buchhandlungen) als existentielle Bedrohung betrachten.
Man schadet damit der Idee eines wirkungsvollen Lobbyings. Solche Sammelsurien, ausgeheckt im kollektivistischen Geist linker Gesellschaftsentwürfe vergangener Jahrhunderte lassen sich nicht in realistische politische Vorstösse ummünzen; Politiker wollen sich ja nicht als Wolkenkuckucksheim-Bewohner ins Out stellen lassen. Und wenn’s darum ginge, intellektuelles Vordenken überzeugend zu exerzieren, dann müssten die Ideen origineller und vor allem durchdachter sein.
Der (zugegebenermassen mittlerweile ziemlich zurückgeschraubte) Anspruch intellektueller und gesellschaftlicher Deutungshoheit der Literaten und das Bedürfnis nach realpolitischem Lobbying stehen sich in der «Solothurner Verlautbarung» gegenseitig im Weg. Man kann so weder das eine noch das andere wirklich ernstnehmen. Vielleicht wäre die «Groupe de réflexion» gut beraten, sich entweder für das eine oder das andere zu entscheiden.
Auf welche Seite da das Pendel ausschlagen sollte, scheint auch recht klar: Eine professionell agierende Lobbyorganisation, die den Wandel der Branche politisch begleiten würde, wäre dringend wünschbar. Vor allem eine solche, die auch in den eigenen Reihen mehr Dynamik zur Bewältigung des Wandels erzeugen könnte. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
