11.05.2009 — Er thronte auf dem Sessel des Wunderkindes, doch nach dem Zweiten Weltkrieg sass er zwischen Stuhl und Bank. Erich Wolfgang Korngold (1897–1957), zweiter Sohn des in Wien wirkenden einflussreichen Musikkritikers Julius Korngold, verblüffte bereits in Knabenjahren als Pianist und Komponist. 1910 publizierte er die ersten Werke. Nach dem Grosserfolg seiner Einakter «Der Ring des Polykrates» und «Violanta» 1916 in München stellte Korngold 1919 als Dirigent die beiden Werke in der Wiener Hofoper vor.
Dem fulminanten Start schloss sich Erfolg um Erfolg als Komponist, Pianist, Opern- und Konzertdirigent an. 1938, von den Nazis vertrieben, emigrierte er mit seiner Frau und den beiden Söhnen in die USA, wo er sich mit Filmmusik einen Namen schuf. Als er 1950 erstmals wieder nach Österreich zurückkehrte, war der einst Gefeierte samt seinem Œuvre im nach Avantgarde süchtigen Nachkriegseuropa ein altmodisch spätromantischer Randgänger mit dem zweifelhaften Ruf eines Hollywood-Unterhaltungskomponisten. Erst in jüngster Zeit stösst sein Schaffen wieder auf Beachtung.
Ein halbes Jahrhundert nach Korngolds Tod wurde in Bern im Herbst 2007 das erste Symposion durchgeführt, das ganz der Komponistenpersönlichkeit Erich Wolfgang Korngolds gewidmet war. Der vorliegende Band versammelt die 17 Referate dieser musikwissenschaftlichen Tagung.
Zwei Beiträge biografischen Charakters eröffnen die Reihe der Vorträge, die hauptgewichtig der Auseinandersetzung mit Einzelwerken und Gattungen gewidmet sind. Theo Hirsbrunner charakterisiert die Atmosphäre im Wien des Fin de siècle, Arne Stollberg beleuchtet Korngolds «musikgeschichtliche Sendung» und dessen Verhältnis zur konservativen Ästhetik seines Vaters.
Die «strukturelle Virtuosität» in Korngolds drei Klaviersonaten (Hans-Joachim Hinrichsen), die frühe Klavier- und Kammermusik als Reflex auf den Unterricht bei Alexander Zemlinsky (Arne Stollberg), die Kammermusik (Michael Kube), das Liedschaffen (Ivana Rentsch) und das Problem des Sinfonischen in der Orchestermusik anhand der Sinfonie in Fis von 1953 (Giselher Schubert) geben, gestützt durch viele Notenbeispiele, Einblicke in Korngolds Denken und künstlerische Entwicklung im kulturellen Umfeld seiner Zeit.
Ein umfangreicher Teil befasst sich mit dem Musiktheater-Schaffen, mit den Einaktern und Opern «Der Ring des Polykrates» (Klaus Pietschmann), «Violanta» (Janine Ortiz), «Die tote Stadt» (Harald Haslmayr), «Das Wunder der Heliane» (Dirk Wegner; Jens Malte Fischer) und «Die Kathrin» (Till Gerrit Waidelich).
Korngolds Operetten und Operettenbearbeitungen (Kevin Clarke), seine Schauspielmusiken (Antje Tumat) sowie Korngold und die Geschichte der Filmmusik (Christoph Henzel) bilden einen weiteren Themenkreis. Die Frage, ob Erich Wolfgang Korngold das «möglicherweise grösste komponierende Wunderkind aller Zeiten» (Brendan G. Carroll) war, wird im abschliessenden Artikel bejaht.
Der Band, dem die biografischen Daten der Autorinnen und Autoren sowie ein Personen- und Werkregister mitgegeben wurde (bedauerlicherweise aber keine Zusammenstellung von Korngolds Vita), legt in wichtigen Bereichen den Zugang frei zu Persönlichkeit, Wirken und Wirkung des österreichisch-amerikanischen Musikers. (ws)
Arne Stollberg (Hrsg.): Erich Wolfgang Korngold. Wunderkind der Moderne oder letzter Romantiker? Bericht über das internationale Symposion Bern 2007. Mit Abbildungen und zahlreichen Notenbeispielen. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2008. 336 Seiten. € 29,–. Fr. 47.90.