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Es lebe der Sport!

Von Wolfgang Böhler

 

24.10.2005 — Kulturjournalisten können ihre Kollegen vom Sportressort nur beneiden: Die dürfen auf die Pauke hauen, wenn es um die grossen Emotionen geht: Mit Sprüchen wie «Heute erfüllt sich ein Lebenstraum», «Ein einzigartiger Tag in ihrem Leben», «Der Kampf der Titanen», «Er blickt in den Abgrund» wärmen sie sich bloss auf, um dann erst so richtig auf Touren zu kommen. Da werden locker Nationen gespaltet und wieder vereint, archetypische Seelenzustände beschworen und griechische Tragödien vor- und rückwärts durchdekliniert.

Auf der andern Seite verfügen die rasenden Reporter im Stadion und am Strassenrand über einen unerschöpflichen Fundus an Wertmassstäben, die zu der Beschwörung von Herz und Heimatgefühlen in keinem grösseren Gegensatz stehen könnten: eine Unmenge an statistischen Vergleichen und Zahlen.

«Heute geht es um alles – die Heimmannschaft ist seit sieben Spielen ungeschlagen, und der Fislisbacher SC wird herkulische Kräfte brauchen, um die Titanen des Universums endlich in ihre Schranken weisen zu können! Eine beinahe unmögliche Aufgabe, wenn man bedenkt, dass ihr Superstar Luis ‚die Flanke’ Molino in sieben Spielen erst zwei mickrige Tore geschossen hat.» Oder wie im Tennis: «Der Weltranglisten-Fünfte fordert den Ersten heraus, was bei seiner Rate an ,Unforced Errors’ – selber verschuldeten Fehlern – und nur halb soviel Assen recht kühn anmutet. Noch mehr Skepsis wird geweckt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sein Aufschlag in seinen besten Tagen an der 190-Kmh-Marke bloss kratzt.»

Man stelle sich das einmal in einem Kulturbericht vor: «Die Solistin hat den zweiten Satz in dieser Saison fünf Mal unter vier Minuten absolviert. Die Unforced Errors konnte sie dabei auf weniger als einen pro Minute senken, was vom legendären Traumwert Null Benedetti Michelangelis allerdings noch weit entfernt ist. Den Platz fünf in der Weltrangliste dürfte sie aber auch so verteidigen.» So etwas ist natürlich unvorstellbar – leider, leider. Statt mit harten Zahlen kämpft der Kulturberichterstatter mit Wortschöpfungen, die ständig hart am Rand zum Nichts- oder Allessagenden jonglieren.

Auch die notorischen Interviews nach dem Spiel bleiben dem Feuilleton versperrt. Mit offenem Neid blickt man hier auf die Sportkollegin, die ihre noch schwer atmenden Gesprächspartner mit so scharfsinnigen Fragen löchern darf wie «Weshalb hat es heute zum Sieg nicht gereicht?», worauf diese mit einem ebenso erhellenden: «Weil wir nicht genug Tore geschossen haben» antworten und sich dabei noch den Schweiss von der Stirn wischen dürfen.

«Als ich aus dem Andante rauskam, hat ich Mühe, sofort zu beschleunigen», kommentiert der Pianist sein Rezital, während er sein schweissnasses Frackhemd vor der Brust schüttelt, «dann allerdings habe ich wegen eines falschen Fingersatzes die Oktavläufe etwas härter angehen müssen, was das ,meno mosso’ holprig gemacht hat.»

Nichts von alledem. Stattdessen säuseln die Kritiker von «zupackendem Elan», «inspirierten Wiedergaben», «tieflotender Vergeistigung» und unzähligem mehr aus dem Gruselkabinett der semantischen Zombies.

Wieso bloss war Beethoven kein Mittelstreckenläufer und Wagner kein Fomel-1-Pilot? (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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