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Es muss etwas geschehen!

Von Wolfgang Böhler

 

23.08.2013 — In Heinrich Bölls Kurzgeschichte «Es wird etwas geschehen» stürmt der überenergetische Fabrikant Wunsiedel jeden Morgen voller Elan ins Büro und ruft seinen Untergebenen zu: Es muss etwas geschehen! Worauf diese im Chor zurückrufen: Es wird etwas geschehen!

Bundesrat Alain Berset hat anlässlich des Filmfestivals in Locarno eindringlich gerufen, wir brauchen eine neue nationale Kulturpolitik! Und die versammelte Presse hat geschrieben: Wir brauchen eine neue nationale Kulturpolitik! habe Bundesrat Berset gerufen. Wir glauben uns zu erinnern, dass Bundesrat Berset früher einmal gerufen hat, das Jahr 2013 werde zu einem Jahr der Kultur (oder war es 2012? oder war es Bundesrat Burkhalter?), und die versammlte Presse hat geschrieben, das Jahr 2013 (oder 2012?) werde zum Jahr der Kultur, habe Bundesrat Berset gerufen. Zuvor war ja nicht so recht klar, welche Rolle Bundesrat Berset als Kulturminister spielen will.

Leider hat dieser Ruf Bersets keinerlei Spuren hinterlassen, so dass nicht mit Sicherheit versichert werden kann, dass dieser Aufbruch auch so stattgefunden hat oder überhaupt tatsächlich ausgerufen worden ist. Die Quellenlage, die Quellenlage.

Bundesrat Berset hat aber verbürgterweise Traditionsbewusstsein. Denn bereits 1970 haben die Städte in der Schweiz gerufen, es müsse etwas geschehen und die Konferenz der Schweizer Städte für Kulturfragen ins Leben gerufen, um für den Ruf, dass etwas geschehen müsse, eine bessere Plattform zu haben. Auf dass etwas geschehe, haben National- und Ständerat 1993 auf Bundesebene einen Kulturartikel formuliert, der vom Volk allerdings bachab geschickt worden ist, denn beim Föderalismus hört der Spass auf.

2010 hat Jean-Frédéric Jauslin, der damalige Chef des Bundesamtes für Kultur, die nationalen Kulturförderer zusammengerufen und an der ersten Nationalen Kulturkonferenz in den Saal des Berner Zentrums Paul Klee gerufen, es müsse etwas geschehen, worauf ihm ein entschiedenes Es wird etwas geschehen! entgegenschallte.

Der Ausgang von Bölls Kurzgeschichte muss hier nicht erzählt werden. Schliesslich ist Böll Nobelpreisträger. Man kann deshalb davon ausgehen, dass gebildete Menschen sein Gesamtwerk aus dem Gedächtnis zu zitieren in der Lage sind, simultan zum Ordnen kulturpolitischer Initiativen und dem Konsum eines Latte macchiato, wenn sie damit noch nicht wirklich ausgelastet sind.

Bloss dies: Böll findet, dass Händels «Largo» viel zu wenig Beachtung findet. Das hat aber mit Kulturpolitik überhaupt nichts zu tun. Dass der Held der Geschichte schliesslich in der Bestatter-Branche landet, aber irgendwie schon. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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