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Europa umwirbt Kunst und Kultur

Von Wolfgang Böhler

 

19.01.2007 — Da gibt’s doch vom früheren amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy diesen pathetischen Aufruf zu mehr politischem Verantwortungsgefühl: «Don’t ask what your country can do for you, ask what you can do for your country» (in interkultureller Übersetzung aus dem Amerikanischen ins Europäische: «schiele nicht auf Subventionen, sondern bezahle deine Steuern!»). Ins Fadenkreuz solcher Rhetorik gelangt in der Europäischen Union zur Zeit die Kultur. Die Brüsseler Nomenklatura hat – nach dem Schock der im franko-niederländischen Luftraum zerfetzten Europäischen Verfassung – nämlich gemerkt, dass sie sich «den Bürgern annähern muss». Auf einer offiziellen Webseite zu einer Umfrage über eine geplante Kommunikation in Sachen Kultur macht sie sich (wörtlich!) auf die Suche nach einer «Seele für Europa» und glaubt, eine solche in Kunst und Kultur gefunden zu haben. Mit andern Worten: Was Politik, Wirtschaft und Finanzexperten zerbrochen haben, sollen die Kulturschaffenden nun wieder zusammenflicken.

Nachdem die EU Politikern, Wirtschaftsleuten und Bankern kratzbuckelnd die Dienste Europas offeriert hat, erinnert sie sich nun der Künstler und Kulturpfleger: «Während in der Vergangenheit die Frage lautete, was Europa für die Kultur tun könnte [sooooo viel war’s nun auch wieder nicht, Anm. des Zitierenden], so besteht zur Zeit die wachsende Erkenntnis, dass die Kultur Kern des europäischen Projektes ist und eine unentbehrliche Rolle zu spielen hat. Es ist also nötig zu fragen, was Kultur für Europa tun kann.»

Wie man sieht: die Hackordnung ist nach wie vor intakt.

Die europäische Generaldirektion für Bildung und Kultur will diese Fragen in den kommenden Monaten detaillierter behandeln. Dabei will sie sich auf zwei Punkte konzentrieren, von denen der erste als platitüdengefährdete Leerformel gleich abgehakt werden kann. Es geht da um die «Förderung des interkulturellen Dialogs» und die «Pflege eines Begriffes der ‚europäischen Identität’». Darin üben sich Künstler und Kulturschaffende schon seit Jahrhunderten, offensichtlich ohne dass es die Politik bis jetzt gemerkt hätte. Kaufen können sie sich davon aber leider nichts.

Der zweite Punkt ist in dieser Hinsicht schon wesentlich interessanter: Es geht um wirtschaftliche und soziale Ziele, das heisst um die Lissabon-Strategie, die zwar wie ein Agentenroman von Robert Ludlum tönt, aber in Tat und Wahrheit das Ziel umschreibt, die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Damit, so die EU, stellt sich aber auch die Frage nach der «Rolle der Kreativität in der Verbesserung des Wettbewerbsvorteils Europas».

Könnte Europa in dieser Hinsicht von der «Willensnation» Schweiz lernen, die bereits seit Jahrhunderten die unterschiedlichsten Kulturen scheinbar unter ein Dach bringt? Bei allen schönen Worten existieren allerdings auch hierzulande die Kulturen mehr und mehr neben- als miteinander. Dafür, dass die Bewohner – zumindest die Männer – über die Kulturgrenzen hinweg ihre Alltagssorgen tatsächlich teilten, war in Zeiten des Kalten Krieges der gemeinsame Militärdienst verantwortlich. Da wurden die wirklich tragfähigen interkulturellen Schicksalsgemeinschaften und Freundschaften gestiftet.

Von der Schweiz lernen hiesse für Europa also eine vereinigte europäische Wehrmacht und die allgemeine Wehrpflicht einzuführen. Ernsthaft kann das ja aber niemand in Erwägung ziehen. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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