21.09.2009 — Ein im buchstäblichen Sinn mächtiges Opus: Die beiden Bände, zusammen gut zwölf Zentimeter dick, bringen fast dreieinhalb Kilogramm auf die Waage. Natürlich untaugliche Angaben zur Bestimmung des inhaltlichen Gewichts von bedrucktem und in mit Leinen überzogenem Karton gebundenem Papier. Trotzdem ein Anhaltspunkt, der hier in Bezug auf die innere Substanz der beiden Bände «Europäische Romantik in der Musik» keineswegs in die Irre führt.
Ein freundschaftliches Streitgespräch als Ausgangspunkt: 1973 diskutierten Norbert Miller und Carl Dahlhaus Franz Liszts Gedanken einer Sprache der Musik mit eigener Formenlehre und Syntax. Die zwei Jahre danach publizierten Aufsätze weckten, wie Miller in der Einleitung zu Band 1 schreibt, den Wunsch, «den Disput – aus gemeinsamer Grundauffassung und gleicher Neugier, aber in unterschiedlichster Manier des Denkens und Schreibens – miteinander fortzusetzen». Arbeitstitel des ab 1980 geplanten Buchs: «Sprechende Musik».
Inhaltlich beabsichtigten die beiden Verfasser – sie lehrten an der Technischen Universität Berlin, Carl Dahlhaus (1928–1989) als Ordinarius der Musikwissenschaft, Norbert Miller (geb. 1937) als Ordinarius für Deutsche Philologie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft –, «das Verhältnis der Oper als Bühnenform eines intendierten Musikdramas und des reinen symphonischen Stils» an einer begrenzten Epoche zwischen 1770 und 1850 aufzuzeigen.
Miller fasst die These des Gemeinschaftswerks so zusammen: «Die Einheit der europäischen Romantik und ihre Vorstufen betrifft […] die Künste insgesamt, die Musik nicht weniger als die Malerei oder die Dichtung. Das Buch will, von einer Außen-Perspektive her, eine Ansicht der Romantik vermitteln, wie sie sich in den oft weit voneinander getrennten Phänomenen der Musik darstellt.»
Das Werk, von Miller als ein «längeres Gespräch» über die musikalische Romantik in Europa bezeichnet, gliedert sich in vier Bücher: Im Band 1 Triumph und Krise des Musikdramas (Gluck, Raniero de’ Calzabigi, Mozart, Johann Christoph Vogel, Cherubini) und Metamorphosen der Gattung (Haydn, Da Ponte, Mozart, Schikaneder, Peter von Winter, Beethoven, Cimarosa), im Band 2 Deutsche und europäische Romantik (Johann Friedrich Reichardt und E. T. A. Hoffmann – diese in vorderster Linie –, Carl Maria von Weber, Spontini) sowie Zukunftsmusik (Rossini, Wagner, Meyerbeer, Berlioz, Liszt).
Immerhin fällt auf (die Editorische Notiz weist es nach), dass der bei weitem überwiegende Teil aus der Feder Norbert Millers stammt; das «längere Gespräch» wird sich wohl auf die Planung der Publikation beziehen –jedenfalls hat sich eine kontroverse Diskussion nicht niedergeschlagen. Prägend in Millers Monologen sind dessen exzellente Kenntnisse des Opernschaffens, der Libretti und Bühnenbilder. Was ihn befähigt, eine Fülle an Daten, Fakten und Interpretationen auch über weniger prominente Komponisten auszubreiten im epischen Fluss einer Darstellung, die besticht durch gescheite Analyse und tiefenscharfe Beleuchtung der behandelten Probleme.
Schade, dass Franz Schubert, in seinem Opernschaffen eminenter Romantiker, nur marginal vorkommt in dieser Untersuchung aus deutscher Perspektive, die auch Literatur, Malerei, Philosophie, Kunst- und Musikästhetik, historische und soziale Verhältnisse reflektiert. Und die Seite um Seite anregend und bereichernd zu lesen ist.
Beide Bände enthalten einige Notenbeispiele und zusammen 165 Schwarzweiss-Abbildungen; im 2. Band findet sich das Gesamtregister der Namen und Werke. Nicht zu vergessen: Der in kleinerem Schriftgrad gesetzte Anmerkungsteil, in der Regel mit substantiellen Erweiterungen, beansprucht nicht weniger als opulente 360 Seiten! (ws)
Carl Dahlhaus / Norbert Miller: Europäische Romantik in der Musik. Band 1: Oper und sinfonischer Stil 1770–1820; Band 2: Von E. T. A. Hoffmann zu Richard Wagner 1800–1850. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart. 810 + 1246 Seiten. Mit Schwarzweiss-Illustrationen und Notenbeispielen. Pro Band € 79,95; Fr. 123.–; zusammen € 159,85; Fr. 254.–.