29.12.2008 — Seit 1991 ist Christian Martin Schmidt Professor für Historische Musikwissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Er hat letztes Jahr sein 65. Lebensjahr vollendet. Das verdanken ihm nach einem überaus produktiven und bedeutenden Leben für Forschung und Lehre seine Berliner TU-Kollegen Friederike Wissmann und Heinz von Loesch mit einer Festschrift (zusammen mit Thomas Ahrend, der die Eisler-Gesamtausgabe betreut). Einige der Beiträge des Bandes mit dem Titel «Vom Erkennen des Erkannten» entstammen einem Symposium zu Ehren Schmidts, das im November 2007 realisiert worden ist. Der Sammelband umfasst knapp ein halbes Hundert Artikel, und die Liste der Autorinnen und Autoren liest sich wie ein Who is Who der global vernetzten Historischen Musikwissenschaft. Das bibliophil und aufwendig editierte Buch wird − dies der Wermutstropfen − auch zu einer Art Abgesang, stellt die TU Berlin ihren Studiengang Musikwissenschaft doch in absehbarer Zeit ein und akzeptiert deshalb keine Neuzulassungen mehr.
«Vom Erkennen des Erkannten» ist zwar eine Reverenz an einen wichtigen Vertreter des Faches, aber dennoch weit mehr als eine Festschrift. Vielmehr bietet der Band eine reiche Materialsammlung und einige interessante Grundsatzartikel zur Frage, wie Musik in notierte Form abgeildet werden kann − mitsamt allen ontologischen und semiotischen Problemen, die dabei aufgeworfen werden. Er wird so zum Lesebuch, das zum Schmökern und Entdecken einlädt und zahlreiche Aspekte der editorischen Arbeit in Sachen Musik beleuchtet, von der Frage, wie sich mittelalterliche japanische Musik schriftlich festhalten lässt bis zu Notationsformen für elektroakustische Werke der europäischen Gegenwart.
Zum Auftakt macht sich der an der Katholischen Universität von Leuven lehrende Mark Delaere grundsätzliche Gedanken darüber, was eine Partitur überhaupt ist, und würdigt die Unvollständigkleit, mit der sie ein musikalisches Werk festzuhalten vermag. Er weist aber auch auf ihre einzigartige Stellung im kulturtheoretischen Diskurs hin, und auf die Tatsache, dass «die Fähigkeit eines Musikwissenschaftlers, eine Partitur lesen zu können, sich dabei die Musik vorzustellen und ihren musikalischen und ästhetischen Sinn zu ergründen» nahezu das einzige ist, was diesen von den Kollegen fachnaher Disziplinen unterscheidet.
Die folgenden Artikel sind eine bunte Mischung aus Betrachtungen zur Kunst der Edition und eher theoretischen Aspekten der Editionspraxis. Zu ersteren gehören Beiträge zu Bachs Cellosuiten (Heinz von Loesch) und Wohltemperiertem Klavier (Ullrich Scheideler), Händels Oratorium «Joshua» (Ed Noort, Paul van Reijen), Haydns Streichquartetten (James Webster), Mozarts Klaviersonaten (Ekaterina Tsareva) und «Zauberflöte» (Gerd Reinäcker), zu Beethoven (Helga Lühning), Etliches zu Mendelssohn (Ralf Wehner, Friedhelm Krummacher, Salome Reiser, Thomas Schmidt-Beste, Peter Rummenhöller), Brahms (Knud Breyer, Siegfried Oechsle, Hans-Joachim Hinrichsen) und Einzelstudien bis hin zu Varèse (Helga de la Motte-Haber), Honegger (Hermann Danuser), Kurtag (Simone Hohmaier) und Ligeti (Volker Helbing, Frederik Knop).
Die eher systematischen Artikel handeln Themen ab wie die Gleichheit und Verschiedenheit von Formteilen (Albrecht Riethmüller), virtuelle Mehrstimmigkeit (Oliver Schwab-Felisch), Fragen zur Identifizierbarkeit des Urtextes (Hartmut Krones) oder dem Einfluss schreibtechnischer Hilfsmittel auf die entstehenden Werke (Friederike Wissmann, Martin Albrecht-Hohmaier).
Zitate aus dem Buch:
«In Europa, so hätte John Cage sagen können, wird auch die Musik eines völlig tauben Komponisten geschätzt, weil die vorgestellten Tonbeziehungen dort für wichtiger als das direkte Klangerlebnis gehalten werden.» (Mark Delaere: «Was ist eine Partitur?», Seite 22)
«Das Ideal des nur dem Komponisten, bzw. seinem Werk verpflichteten Herausgebers verkommt aber dann zur puristischen Ideologie, wenn an Stelle des tatsächlichen Werkes lediglich das Schriftbild, bzw. der Text zur Maxime erhoben erscheint, auf das intendierte Musikwerk in seiner klingenden, also ‚eigentlichen‘ Gestalt aber nicht Bezug genommen wird.» (Hartmut Krones: «Wie editiert man ‚verloren gegangene Selbstverständlichkeiten‘? Urtext, Urklang oder weder/noch?», Seite 183)
«Noch der handschriftliche Verschreiber offenbart mitunter tiefere Schichten einer gedachten, aber nicht veräusserten Intention, doch das Verfehlen der Tastatur ist oftmals nur physiognomisch von Interesse.» (Friederike Wissmann: «Darstellungsmodi technifizierten Schreibens», Seite 346)
(wb)
«Vom Erkennen des Erkannten», Musikalische Analyse und Editionsphilologie, Festschrift für Christian Martin Schmidt, herausgegeben von Friederike Wissmann, Thomas Ahrend, Heinz von Loesch, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-7651-0361-2, 568 Seiten.