25.04.2005 — Als Beitrag zu einer «Kulturgeschichte des Hörens» versteht Max Ackermann seine in überarbeiteter Form veröffentlichte Dissertation, für die er 1999 den Lilli Bechmann-Rahn-Preis zugesprochen erhalten hat. Der als Kulturjournalist – unter anderem für den Bayerischen Rundfunk – und als Kulturanimator tätige Literaturwissenschaftler gruppiert rund um eine Studie von Marcel Prousts Jahrhundertroman «A la recherche du temps perdu» Beobachtungen und Thesen zum Verhältnis von Hören und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Methodisch stützt er sich dabei unter anderem auf die Topik, die der Literaturwissenschaftler Lothar Bornscheuer entwickelt hat, und das, was die französischen Historiker Lucien Febvre und Marc Bloch als Mentalitätsgeschichte bezeichnen. Der Bogen wird dabei sehr weit gespannt: «Neben den sozialen Kategorisierungen von Sprache geht es […] auch um eine hörbare Normierung der Zeit, um das Hören der Masse, um das Stimmen-Hören und den Schrei als Modelle des Aussersozialen, um Musikhoffnung und -kritik als zwei Seiten einer Münze, um das Vorbild musikalischer Autonomie, um Würdigungen des Lärms und der industriellen Geräusche, um den Einfluss der Medien- und Kommunikationstechnik, aber auch um das Verhältnis avantgardistischer Sprachformen zu oralen Resten und älteren Formen literarischer Ästhetik» (16).
Man wird Verständnis haben, wenn der eine oder andere potentielle Leser, die eine oder andere potentielle Leserin von der bis zur Beliebigkeit ausgefächerten Überfülle an Themen abgeschreckt sein dürfte. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis des insgesamt gut 500 Seiten fassenden Buches läuft mit über 300 Punkten selber über zehn Seiten mit unentschlüsselbarer Schriftgrössensystematik – was eine Ratio von etwa drei Themenwechseln auf fünf Seiten ergibt. Gesprungen wird da in aufeinanderfolgenden Passagen zum Beispiel von einem Plädoyer für eine menschliche Geschichte der Natur über Beispiele für Assoziationen zur Ökonomie und Geschichte der Sinne im Lichte des Marxismus oder vom «Weg- und Überhören» über «Die Vernichtung durch die Stimme und Beschwichtigungsgesten zu ihrer Abwendung» zur «Verräterischen Betonung, das Wahrnehmen von Lüge und Wahrheit, Andeutungen und Geheimnissen». Auch beim Studium des eigentlichen Textes kämpft man gegen den offensichtlichen Unwillen des Autors, sich Hierarchisierungen und Verdichtungen zu beugen.
Beim Lesen fühlt man sich deshalb wie der Laborant, dem die Lehrmeisterin den Inhalt einer gigantischen Botanisiertrommel auf den Tisch geschüttet hat und nun von ihm erwartet, dass er die Fundstücke selber austrocknet und klassifiziert. Angesichts der Überfülle an roh anmutendem Material ist es auch praktisch nicht möglich, einzelne Erkenntnisse zur intedierten Kulturgeschichte herauszukristallisieren.
Man fragt sich auch, weshalb ausgerechnet die «Recherche», in der seitenlang kein Wort über Geräusche oder zu Hörendes verloren wird, als Zeuge einer Kultur des Hörens beigezogen wird. Scheint es doch offensichtlich, dass die akustische Umgebung für den Augenmenschen Proust kaum eine Rolle spielt. An den wenigen Stellen, an denen sie ins Bewusstsein rückt, dient sie zur Bildung optischer Metaphern, etwa wenn Hundegebell Bilder von Lindenbäumen und mondbeschienen Bürgersteigen evoziert oder wenn «knisterndes Feuer» aus den Gerüchen in der Stube «festen Teig» macht. Wie anders tönt es da etwa in Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz», in dem man sich an den Geräuschen und dem Lärm der Grossstadt beinahe nicht satthören kann. Unter all den Kronzeugen für den Wandel der Hörkultur, die Ackermann anführt, findet ausgerechnet dieser wohl heisseste Anwärter auf den Status eines Schlüsseltextes der akustischen Umwälzungen der Epoche nicht einmal im Literaturverzeichnis Erwähnung.
Am ehesten verdaubar ist das trotz aller dieser Einwände nicht unoriginelle und phasenweise gescheite und stimmungsvolle Buch, wenn man es als eine Art meditativen Ausfluss an Ambiente, Theoriefragmenten, Beobachtungen und Reflektionen versteht, der einer im Text selber vorfindlichen Charakterisierung von Musik ähnelt: Auf Seite 278 zitiert Ackermann Rilke, der in «seiner von Rodin inspirierten Werkphase» meinte, dass Musik ein «Nicht-Ver-Dichten», eine «Versuchung zum Ausfliessen» sei. Der Dichter erachtete dies aber allerdings auch nicht unbedingt als wünschenswert, weil es «seinen Wünschen nach ernster Arbeit, Einsamkeit und Konzentration widersprach.» (wb)
Max Ackermann: Die Kultur des Hörens, Institut für Alltagskultur, Hans Falkenberg Verlag, Nürnberg 2003.