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Frisch und die Stellung der Kulturschaffenden

Von Wolfgang Böhler

 

06.05.2011 — Am 15. Mai wäre der Schweizer Schriftsteller Max «Citoyen» Frisch 100 Jahre alt geworden. Gehindert daran hat ihn sein Todestag vom 4. April 1991. Zwischen diesen Gedächtnistagen befinden wir uns im Moment, also etwas zwischen den Stühlen und damit dem Jubilar durchaus angemessen. Frisch – so die gängige Lesart der jüngeren Schweizer Kulturgeschichte – war einer der letzten, die noch über die Schweiz nachgedacht und sich als gewichtige Stimme im politischen Diskurs eingebracht haben. Geblieben ist davon etwa das stündige Streitgespräch zwischen dem Schriftsteller und dem damaligen Bundesrat Kurt Furgler im Schweizer Fernsehen, das auch viel aussagt über die Qualität der damaligen TV-Debatten (oder den intellektuellen Niedergang derselben seither).

Das Jubiläum provoziert die allgemeinere Frage, welche politische Bedeutung Kulturschaffende heute (noch) innehaben. Die Schriftsteller haben sich seither nämlich eher auf private Themen zurückgezogen, die Welt ist pluralistischer und unübersichtlicher geworden, die Politik medialer. Gesellschaftskritik findet vereinzelt noch im Theater statt, aber da geht ohnehin keiner mehr hin, und die Themen werden dort teils auf so skurrile Art verhandelt, dass da kaum ein öffentlicher Diskurs zustandekommt.

Geblieben von der grossen Zeit der Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Anspruch der Kulturschaffenden auf Deutungshoheit gesellschaftlicher Verhältnisse, oder zumindest der Gestus davon. Der wirkt heute allerdings seltsam deplaziert.

Die vermeintliche Autorität, die Mahner und Deuter wie Frisch zu ihrer Zeit ausstrahlten, war im Grunde genommen dem gleichen paternalistischen Bedürfnis nach väterlichen Leitfiguren geschuldet, welches das System der bürgerlichen Führungselite auszeichnete, gegen die sie anzutreten vorgab. Zu seiner Zeit hat dieser Widerspruch kaum jemanden gestört. Heute ist diese Geisteshaltung (gottlob) in Misskredit geraten: geistigen Autoritäten, die Autorität bloss durch ihre intellektuelle Aura ausstrahlen, wird im Zeitalter von Grassroot-Bewegungen, Individualisierung und Selbstinszenierung als Massenphänomen misstraut.

Die heutigen Kulturschaffenden reklamieren zwar noch einen speziellen Anspruch auf einen speziellen gesellschaftlichen Tiefblick (in der Schweiz explizit etwa mit einem «Kanarienvogelmanifest»). Faktisch sind sie aber einfach Kleingewerbler, die in ihren jeweiligen Märkten intellektuelle Konsumbedürfnisse befriedigen, manchmal auch bloss solche von mehr oder weniger anspruchsvoller Unterhaltung und Zerstreuung.

Wer heute eine politisch gewichtige Stimme erheben will (und es wäre gut und wichtig, das viele dies täten), kann sich nicht mehr auf den Nimbus des Denkers oder der Seherin verlassen. Er oder sie müssen sich die Stellung einer ernstzunehmenden Partei im Politdialog erarbeiten – mit kontinuierlicher Teilnahme an der Debatte und dem immer wieder neu zu erbringenden Beweis, über Sachverstand und Dossierkenntnis zu verfügen.

Dann werden sie wieder gehört. Nicht weil sie Intellektuelle oder Kulturschaffende sind, sondern weil sie sich kontinuierlich einen guten Ruf als glaubwürdige Analysten und Interpreten des Zeitgeschehens erarbeitet haben. Die Welt ist in Sachen Intellektualismus nüchterner und sachlicher geworden und kann auf personalisierte geistige Führung verzichten. Argumente zählen heute mehr als die besorgte und engagierte Stimmlage. Und das ist gut so. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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