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27.10.2006 — Kaum hat die Popsirene Madonna ihre mit religiösen Provokationen versetzte «Confessions»-Tour hinter sich gebracht, reist sie – begleitet von einem Kamerateam – in das bitterarme afrikanische Land Malawi. Dort adoptiert sie aus einem Waisenhaus ein Kind. Da es einen leiblichen Vater hat, muss dieser zunächst im Schnellverfahren um Einverständnis gebeten werden, die weiteren rechtlichen Aspekte der Sache sind eher undurchsichtig. Da fragt sich natürlich jeder, wie ehrlich gemeint der je nach Auslegung spontane oder kalkulierte Akt der Menschlichkeit gewesen sein dürfte.
Nicht abnehmen kann man der mit allen medialen Wassern gewaschenen Selbstdarstellerin das Erstaunen ob des kolossalen Medieninteresses in der Sache. Aber auch die Frage nach den inneren Beweggründen Madonnas stellt sich im Grunde genommen gar nicht, denn die ganze Geschichte ist völlig unabhängig davon ein totales Desaster.
Man muss sich fragen, für wie blöd Madonna ihre Fangemeinde hält. Jede und jeder, der sich schon einmal auch nur ansatzweise mit dem Thema Adoption beschäftigt hat, weiss, was für komplexe und heikle Prozesse damit verbunden sind, welche Folgen für die adoptierende Familie, für das Kind und für die ursprüngliche Umgebung des Kindes eine solche haben kann und wie sensibel vor allem die Kommunikation solcher Fälle gehandhabt werden muss.
Madonnas Vorstellungen – als «Akt der Barmherzigkeit» in aller Öffentlichkeit mal auf die Schnelle ein Kind aus Afrika nach Grossbritannien zu verschieben und es auch noch herum zu zeigen, um auf das Elend in dem Land aufmerksam zu machen – bewegen sich gedanklich auf dem Niveau eines pubertierenden Backfisches. Der moraltriefende Auftritt in der Show von Oprah Winfrey, in der Madonna die Adoption rechtfertigte, macht die ganze Chose nur noch schlimmer.
Keineswegs besser steht es um das Verständnis der Sängerin um die komplexen Zusammenhänge in der Entwicklungshilfe, speziell in Afrika. Auch in den Favelas Südamerikas, den Vorstädten Osteuropas, den Hinterhöfen asiatischer Städte sterben täglich Kinder, denen in nichts geholfen ist, wenn eines von ihnen aus einem afrikanischen Waisenhaus in ein britisches Prominentenheim verpflanzt wird.
Hilfe vor Ort wäre effektiver und weniger demoralisierend für diejenigen, die nicht in ein Prominentenheim umziehen können, vor allem, wenn ihnen diese Möglichkeit als offenbar einzige Alternative zu ihrem Elend präsentiert wird.
Wer Popmusik liebt – und es gibt viele Gründe, dies zu tun, denn es finden sich unter ihren Interpreten auch intelligente Weltenbürgerinnen und -bürger – sollte dafür sorgen, dass sie durch Aktionen wie derjenigen Madonnas nicht der totalen geistigen Infantilisierung anheimfällt. Die nach dem überwältigenden medialen Erfolg von Bob Geldofs Live-Aid-Konzerten offenbar in Mode kommenden Trips nach Afrika von Schauspielern und Popsternchen sind leider die ersten Schritte dazu. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
