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Geschichte der Klavier- und Orgelmusik

22.03.2008 — Unter dem Titel «Gattungen der Musik für Tasteninstrumente» ist Arnfried Edlers umfang- und facettenreiche Darstellung im Rahmen des 16-bändigen Handbuchs der musikalischen Gattungen (1997–2004) erschienen; nun liegt das drei Bände umfassende Standardwerk als «Geschichte der Klavier- und Orgelmusik» in einer um ein Kapitel zum Orgelstück im 20. Jahrhundert erweiterten Sonderausgabe vor und wird so erfreulicherweise einem grösseren Interessentenkreis zugänglich.

Arnfried Edler, Organist und evangelischer Kirchenmusiker, ab 1978 Professor für Historische Musikwissenschaft an der Universität Kiel und von 1989 bis 2003 an der Hochschule für Musik und Theater Hannover tätig, fokussiert innerhalb des immensen historischen Zeitraums vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart seine Darstellung auf Gattungszusammenhänge.

Im Vorwort präzisiert er: «Anstelle eines ,Nachschlagewerkes’ wird eine Einführung vorgelegt, die grundlegend auf die Einordnung des Phänomens „Tastenmusik“ in den allgemeinen kulturgeschichtlichen Prozeß gerichtet ist. Sie versteht sich insofern als Beitrag zum aktuellen kunstwissenschaftlichen Diskurs, als bekannte wie auch weniger bekannte Fakten durch wechselseitige Beleuchtung ein vermehrtes Gewicht erhalten, ihre Bewertung sich nicht selten gegenüber tradierten Einschätzungen verschiebt und anstelle der Statik einzelner neben- oder nacheinander betrachteter Ereignisse, Einzelwerke oder biographischer Details Musikgeschichte als Bewegung von Ideen und Wechselwirkungen wahrnehmbar wird, die ihr einerseits immanent sind und die andererseits auf den gesellschaftlich-kulturellen Gesamtzusammenhang verweisen.»

Diese Ausrichtung auf die «Musikgeschichte als Bewegung», als Geschichte von Ideen bedingt den Verzicht auf die Würdigung der Urheber und all ihrer relevanten Werke der Literatur für Tasteninstrumente, zum andern erfordert sie die Konzentration auf die Darlegung aller wichtigen Erscheinungen aus deren funktionalen Bedingungen.

Massgebender Leitgedanke dieses ebenso umfangreichen wie umfassenden – und umfassend neuartig konzipierten – Opus magnum ist die singuläre Stellung der Tasteninstrumente unter den Musikinstrumenten: Dank ihnen konnte sich die Mehrstimmigkeit der europäischen Musikkultur entfalten. «Das Denken in Klängen statt in bloßen Tönen prägte in stetig expandierendem Ausmaß das musikalische Bewußtsein der Abendländer vom 15. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts», schreibt Edler und unterstreicht damit die Rolle der Tasteninstrumente (Instrumente, die den Klang mit Hilfe von Manual-, gegebenenfalls auch Pedal-Tastaturen erzeugen), als wichtigstes Werkzeug des Rationalisierungsprozesses in der Musik, einem permanenten Vorgang als Teil des grossen «Prozesses der Zivilisation» (Norbert Elias) der abendländischen Kultur.

Die Epochenwende um 1600 (Stichworte: Madrigal, Dramma per musica) sei geprägt «durch das vertikale musikalische Denken und die Entstehung der auf ihm beruhenden Generalbaßpraxis, die ganz wesentlich (wenn auch keineswegs ausschließlich) durch die Tasteninstrumente getragen und gefördert wurde». Einen tiefen Einschnitt in der musikalischen Gattungsgeschichte bildet, so Edler, Johann Sebastian Bach, charakterisiert durch «die Zunahme des ästhetischen Gewichts des Einzelwerks gegenüber seiner funktionalen Bedeutung».

In die Zeit um 1830 fällt eine weitere Zäsur; «nicht nur für die Musik, sondern für den gesamten Bereich der Künste ist diese Epochengrenze die tiefste überhaupt zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts und dem ersten Weltkrieg». Auf verschiedenen Ebenen sei die Herausbildung «eines radikalen Modebewußtseins zu beobachten, das seinen Ausgang in der Bewegung „La Jeune France“ nahm und das zunächst unter den Begriff „Romantisme“ subsumiert wurde».

In seiner gattungsgeschichtlichen Darstellung, in der (anders als in der herkömmlichen personen- und werkorientierten Ausrichtung) entschieden nach äusseren Motivationen gefragt wird, sieht der Autor die grundsätzlich gleichgewichtige Behandlung der drei Elemente Struktur (musikalische Produktion und Reproduktion, Stil, Besetzung), Funktion (Zweckbestimmung, Rezeption, ästhetische Reflexion, soziale Organisation der Musik) und Terminologie (Herkunft, Verwendungsweisen und Bedeutungswandel der Gattungstermini, auch verglichen mit anderen Künsten oder in Bereichen der Gesellschaft und der Wissenschaft).

Den Gang durch die über 2000 Jahre umfassende Geschichte der Tasteninstrumente hat Arnfried Edler in drei Teile und XVI Kapitel gegliedert. Eingeleitet wird jeder Teil von grundsätzlichen Artikeln, die grosse Zusamemnhänge aufzeigen, so Gattungsbegriff, Gattungsproblematik und Zerfall der Gattungsstruktur im kulturellen Zusammenhang.

«Von den Anfängen bis 1750» (Teil 1) führt von der Erfindung der Wasserorgel (um 270 v. Chr. durch Ktesibios von Alexandria) über Intavolierung; Orgelmusik im Umreis des Gottesdienstes; Tanz, Charakterstück und Variation; zu Intonation, Studienkomposition und Fantasie. – Teil 2, «Von 1750 bis 1830», enthält die Kapitel Klaviermusik zwischen höfischer und bürgerlicher Kultur; Fantasie und Capriccio; Die Klaviersonate als thematische Abhandlung; Jenseits der Klaviersonate. – «Von 1830 bis zur Gegenwart» reicht Teil 3 mit den Kapiteln Sonaten oder Phantasien; Fantasien über Opern und Choräle; Die neue Orgelmusik und die Wandlungen des Gattungsgefüges; Das Lyrische Klavierstück 1830 bis 1920; Präludien und Studien; Die Variation; Auflösungs- und Expansionstendenzen des Gattungsgefüges.

Kategorien des (musikalischen) Denkens, Ästhetik, Literatur (auch Belletristik), Philosophie, Sozialgeschichte, kunstreligiöser Kult, musikalische Bildung, Lehr- und Unterrichtswerke, Theoriebücher, Klavierpädagogik, Konzertleben, Musikkritik, Musikalienmarkt, Periodika, Entwicklung des Instrumentenbaus, Instrumentenhandel, Klang- und Interpretenideal, vierhändiges Spiel und und – Arnfried Edler gelingt die Quadratur des Kreises: Die einlässliche, klar gegliederte und stilistisch ausgefeilte Schilderung der grossen musik- und gattungsgeschichtlichen Zusammenhänge vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart verbindet er mit einem Erstaunen weckenden Reichtum an erhellenden Einzelaspekten, die thematisch auch über die Klavier- und Orgelmusik hinausgreifen. Nicht zu vergessen: Der Laaber-Verlag hat die inhaltliche Fülle samt Illustrationen und Notenbeispielen typografisch und im Layout in schlüssige und funktionelle Form gegossen – die Anmerkungen beispielsweise finden sich auf den jeweiligen Seiten in der inneren Marginalspalte.

Wie der Autor einleitend erwähnt: Die Art der hier erstmals gewählten – und brillant bewältigten – gattungs- und formenorientierten Darstellung ist nicht gedacht für die eilige Konsultation. Wer da rasch nachschlagen möchte, sieht sich alsogleich gebremst. Das Namenregister führt Seitenverweise auf, die sich nicht selten über alle drei Bände erstrecken. Beispiele: 66 für C. Ph. E. Bach, 117 für Beethoven, 79 für Schumann, 82 für Liszt, 20 für E. T. A. Hoffmann, 26 für Goethe. Desgleichen im Sach- und Ortregister: für Ästhetik 43, für Frankreich 47, für Variation 42, für Zyklus 91.

Wer sich aus Interesse am weiten Feld der Musik für Tasteninstrumente in Arnfried Edlers massgebende Forschungsarbeit vertieft, dem wird die Lektüre zum reichen und nachhaltigen Gewinn. (ws)

Arnfried Edler (in Verbindung mit Siegfried Mauser): Geschichte der Klavier- und Orgelmusik. 3 Bände mit 149 Abbildungen und 456 Notenbeispielen. Erweiterte Sonderausgabe. Laaber-Verlag, Laber 2007. XIV + 1812 Seiten. € 148,–. Fr. 250.– (Subskriptionspreis bis 30.6.2008, danach ca. € 178,–).

Auch das 16-bändige Handbuch der musikalischen Gattungen, herausgegeben von Siegfried Mauser, ist als Sonderausgabe neu aufgelegt worden. Laaber-Verlag, Laber 2007. 6811 Seiten. € 780,– (Subskriptionspreis bis 30.6.2008, danach ca. € 980,–. Das Werk wird nur geschlossen abgegeben.)

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