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Geschichte der Musik

20.10.2009 — Ein Allerweltstitel, «Geschichte der Musik», mehrfach vergeben, so dem wohl gewichtigsten Band, jenem heute 700-seitigen Studien- und Nachschlagebuch von Karl H. Wörner (W. Gratzer und L. Meierott; 1954 ff.). Mit 300 Seiten schmaler und als Einführung gedacht ist die «Geschichte der Musik» des walisischen Schriftstellers und Musikkritikers Paul Griffiths. Die 2006 vorgelegte Originalausgabe trägt den bezeichnenderen Titel «A Concise History of Western Music».

Von den Ursprüngen (ein Höhlenmensch fertigt eine Knochenflöte und «Atem wird zu Klang, und durch diesen Klang erhält Zeit eine Gestalt. Und so, als Klang und Gestalt gewordene Zeit, beginnt Musik») bis in die Gegenwart erkundet der Autor prägende Stationen der abendländischen, in Neumen und Noten festgehaltenen Musik.

Der Ansatz, den Griffiths seinem Gang durch die westliche (die «klassische») Musik zugrunde legt, ist originell: die Zeit und das Messen der Zeit als ein Fundament der rhythmischen Notation und der Polyphonie. Die Überschriften der acht Teile, etwa «Gemessene Zeit: 1100–1400», «Erkannte Zeit: 1630–1770» oder «Verworrene Zeit: 1908–1975», weisen hin auf die Gestaltung der Zeit durch den Komponisten und die Vermittlung der Zeit im Allgemeinen. Erhellende Einsichten ergeben sich da, folgt man dem Autor, ebenso wie Fragen der jeweiligen sauberen Abgrenzung: Zeit als werkimmanente Komponente? Zeit als mit Metronom und Uhr messbare Grösse? Zeit als bestimmte Epoche? Zeit als Prozess?

Die Gewichtsverteilung in dieser chronologisch aufgebauten Musikgeschichte widerspiegelt die Absicht einer Einführung für Musikliebhaber und Studienanfänger: 120 Seiten bis Ende Barock (1770), je 80 Seiten Klassik bis Spätromantik (1907) und Moderne bis Anfang 21. Jahrhundert.

Griffiths zeichnet in seinem «Lesebuch» in 24 Kapiteln ein vielfältiges Panorama abendländischer Musik (und Kultur), kristallisiert um die Leistung massgebender Persönlichkeiten. Dass hier und dort die den Künstler beeinflussende historische Situation, die sozialen Strömungen, die wirtschaftlichen Voraussetzungen und die Verflechtungen mit anderen Künsten allzu knapp umrissen werden, wird man einer «Concise History» nicht zum Vorwurf machen. Beispielhaft dargestellt sind die politischen Hintergründe des 20. Jahrhunderts, marginal abgehandelt die Beziehungen zur Populärmusik.

Einzelne Meister, herausragende Werke, Musiktheoretiker, Kompositionstechniken, Gattungen, Besetzungen, Aufführungsbedingungen, nationale Traditionen (besonders gut berücksichtigt ist England und seine Musik, nicht vergessen sind die Überseegebiete Spaniens und Portugals) bringt Griffiths in belebter Schilderung und aus wechselnder Perspektive nahe, zieht Parallelen, deckt Zusammenhänge auf, die anregen zum kritischen Nachdenken.

Im Anhang findet sich ausser dem Personenregister eine Liste mit Lese- und Hörempfehlungen vom gregorianischen Gesang bis zu zeitgenössischen Kompositionen.

Zitat aus dem Buch:
«Das große Zeitalter der mechanischen Uhren – bis zum letzten Chronometer John Harrisons (1770) – war auch die Epoche in der Musikgeschichte, die sich mit einer mechanischen Eleganz und Stetigkeit durch die Zeit bewegte, die aber dennoch Mittel und Wege fand – und zwar in ebendiesen Phänomenen von Harmonie und Rhythmus, die ein gleichmäßiges Dahinfliessen erst möglich machten –, göttliche Größe und menschliche Freude oder Bitterkeit auf neue Art auszudrücken. Es war die Musik, die man, als sie im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, als Barockmusik bezeichnete.» (Seite 86f.)
(ws)

Paul Griffiths: Geschichte der Musik. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Aus dem Englischen von Corinna Steinbach und Stephanie Staudacher. Mit Schwarzweiss-Illustrationen. Gemeinschaftsausgabe Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, und Bärenreiter-Verlag, Kassel. 302 Seiten. € 29,95. Fr. 47.–.

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