18.12.2003 — Simple Programmzettel waren es am Anfang, heute sind es veritable Bücher: Seit drei Jahrzehnten begleiten deutsche Opernhäuser ihre Produktionen mit erläuternden Materialien für ihr Publikum. Massstäbe setzen die Programmbücher der Bayerischen Staatsoper München. In ihnen kommen in Originalbeiträgen die vielfältigen Aspekte des betreffenden Theater-Kunstwerks zur Darstellung, werden traditionelle und neue Interpretationsansätze reflektiert, wird der aktuelle Forschungsstand thematisiert. Dass sich immer wieder wertvolle wechselseitige Anregungen zwischen Praxis und Theorie, zwischen Oper und Fachgebieten wie Psychologie, Philosophie oder Literaturgeschichte ergeben haben, ist ein weiterer Vorteil. Der Nachteil: Nach Ende der Reprisenserie verschwinden die jeweiligen Werkdokumentationen.
Um einige wichtige Beiträge zu Opern des Barock (ihre Wiederbelebung auf der Bühne und auf Tonträgern ist ein Phänomen der jüngsten Vergangenheit) und zum Musiktheater Mozarts über den Tag hinaus zugänglich zu halten, haben Hanspeter Krellmann, ehemaliger Chefdramaturg an der Bayerischen Staatsoper, und Jürgen Schläder, Professor für Theaterwissenschaft in München, 35 Artikel von 21 Autorinnen und Autoren zusammengestellt aus den Begleitbüchern (und aus «Oper aktuell») zu folgenden Produktionen: Monteverdis «L’Orfeo», «Il ritorno d’Ulisse in patria» und «L’incoronazione di Poppea», Händels «Acis and Galatea», «Rinaldo», «Giulio Cesare in Egitto», «Ariodante» und «Serse» sowie Mozarts «Idomeneo», «Le nozze di Figaro», «La clemenza di Tito» und «Così fan tutte». Weitere Beiträge befassen sich beispielsweise mit dem Orpheus-Stoff auf der Opernbühne, dem Ethos barocken Komponierens, den Kastraten und Countertenören, Glucks Modernität, mit dem Schicksalsbegriff im Musiktheater um 1800 und der Münchner Inszenierungsgeschichte von Mozarts «Don Giovanni».
Die ausgewählten Texte, die wo nötig auf den jüngsten Erkenntnisstand gebracht wurden, kommen aus ohne fachchinesische Verkrampfungen und bieten zu 16 meist bekannten Werken durch neue Deutungsansätze aufschlussreiche Annäherungen und als Ganzes wichtige Elemente der Operngeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Farbfotos dokumentieren Szenen aus den Münchner Produktionen der Opern zwischen 1984 und 2002.
Ein erster Band über Opern des 19. Jahrhunderts («Die Wirklichkeit erfinden ist besser») der gleichen Herausgeber erschien 2002; folgen soll ein abschliessender dritter Band über das 20. Jahrhundert. (ws)
«Der moderne Komponist baut auf der Wahrheit». Opern des Barock von Monteverdi bis Mozart. Hrsg. Hanspeter Krellmann und Jürgen Schläder. Mit 16 farbigen Abbildungen. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2003. 314 Seiten. € 39,95. Fr. 64.-.