Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Händel und seine Zeitgenossen

22.12.2008 — Eine vielstimmige, reich orchestrierte weiträumige Ouvertüre eröffnet die vom Laaber-Verlag konzipierte Buchreihe zum Händel-Jahr 2009: In zwei Teilbänden ist soeben die biographische Enzyklopädie «Händel und seine Zeitgenossen» von Hans Joachim Marx vorgelegt worden. Es folgen später vier Werkbände zu Händels gesamtem Schaffen sowie abschliessend als Band 6 das Händel-Lexikon.

Wer denkt, Personenlexika eigneten sich zum raschen Nachschlagen und umgehenden Zuklappen des Buchs, irrt grundsätzlich nicht, wird jedoch hier erleben, dass diese Enzyklopädie zu Händel und seinen Zeitgenossen die Lust des Weiterlesens, des von Querverweisen animierten Erkundens weckt und wach hält. Und dass dieses Lexikon so spannend und vielschichtig ist wie Liebes-, Ehe-, Bildungs-, Gesellschaftsromane, Abenteuer-, Schelmen-, Königs-, Reise- und Künstlernovellen – eine Comédie humaine eben.

Massgebend für den Verfasser, den Händel-Forscher Hans Joachim Marx – er war von 1973 bis 2001 Professor an der Universität Hamburg, von 1968 bis 1997 leitete er die Symposien der Karlsruher Händel-Akademie, 1984 gründete er die Göttinger Händel-Beiträge, und von 1991 bis 2004 programmierte er die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen –, waren selbstverständlich wissenschaftliche Kriterien, war die präzise Erhellung von Händels Umfeld, der Biografien von Persönlichkeiten und Personen, denen der Barockmeister in den über fünfzig Jahren seines öffentlichen Wirkens begegnete, die ihn unterstützten oder gegen ihn intrigierten, die seine Grösse bewunderten oder ihn kleinredeten.

Da finden sich Förderer und Widersacher, Könige und Prinzessinnen, Kaufleute und Höflinge, Kopisten und Librettisten, Politiker und Instrumentenbauer, Dichter und Maler, Bedienstete und Diplomaten, Uhrmacher und Ärzte, Primadonnen und Kastraten, Agenten, Broker und Theaterpächter, geistliche und ganz weltlich ausgerichtete Personen… Apropos Kastraten: Allein im 1.Teilband sind deren 18 mit eigenen Beiträgen gewürdigt.

An der barocken Fülle der Biografien, Handlungen, Materialien und, nicht zuletzt, an der sprachlich klaren Aufbereitung und stringenten Gliederung durch den Autor liegt es, dass im breiten Blickwinkel auf die Geschichte vielerlei Geschichten, komödiantische, tragische, ernste, lächerliche, ins Licht treten. Szenen, welche die Charaktere, ihr Denken, ihre Verhaltensnormen, ihre Aktivitäten, ihr jeweiliges Umfeld beleuchten und so zum Verständnis der Lebensbedingungen und der Befindlichkeit der Menschen einer uns nicht in allem mehr leicht zugänglichen Epoche beitragen.

Den durch Zeitzeugen (einer der wichtigen ist Charles Burney) und frühe Biografen (John Mainwaring, John Hawkins, Johann Mattheson) übermittelten Begebenheiten aus dem Leben Händels und seiner Mitwelt kommt eine prominente Rolle als Informationsquelle zu. Doch geht es im Kern ja nicht um Anekdotisches. Im Vordergrund stehen die Lebensbeschreibungen in den über 680 Einzelbeiträgen von Abbé bis Zanoni, von Personen, die Händel persönlich kannte und deren Beziehungen zu ihm dokumentarisch belegt sind. Nebenbei: Die Zeitspanne reicht vom frühesten Geburtsdatum 1619 (Händels Taufpate) bis zum spätesten Todesjahr 1820 (König George III.).

Augenfällig das gediegene Layout, der Satzspiegel mit lesefreundlichem Durchschuss und dem gezielten Einsatz der violetten Farbe und die vielen Illustrationen (darunter etliche hier erstmals publizierte Gemälde, Faksimiles, Noten, Karikaturen). Am Kopf der Seite dient der lebende Kolumnentitel mit dem betreffenden Personennamen der schnellen Orientierung.

An der Spitze des Artikels stehen Familien- und Vorname(n) mit Geburts- und Sterbejahr bzw. dem Zeitraum der Tätigkeit, gefolgt von der Berufsbezeichnung. Die ersten Zeilen des anschliessenden Haupttextes charakterisieren die Beziehung der betreffenden Person zu Händel und bringen, wo nötig, eine kurze biografische Übersicht, aus der die Kontakte zum Komponisten ersichtlich sind.

In der anschliessenden chronologisch erzählten Biografie breitet Hans Joachim Marx, dessen aufwendige Recherchen und Studien an dieser sich nun als Grossprojekt präsentierenden Publikation bis in die Sechzigerjahre zurückreichen, alle gesammelten Fakten und Dokumente aus. Dies mit wissenschaftlicher Akribie, einem Detailreichtum und einer eleganten Sprache, die Staunen und Bewunderung wecken.

Allen im Text erwähnten Personen sind ihre Lebensdaten, den Kompositionen ihre Werknummer (HWV) beigefügt, die zahlreichen Zitate werden in ihrer Originalsprache ohne Übersetzung wiedergegeben und detailliert nachgewiesen, und Verweispfeile verknüpfen die Personen. Am Schluss des Artikels sind die zitierten Quellen samt entsprechenden Seitenzahlen stichwortartig zusammengefasst. (Dass sich die Querverweise zu den Abbildungen durch ein technisches Versehen verschoben haben, fällt nicht ins Gewicht.)

Wie vorzüglich es dem Autor gelungen ist, dem Leser einerseits hunderte von Biografien vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Strömungen und Spannungen nahezubringen, andrerseits die persönlichen Beziehungen der Zeitgenossen zu Händel konzentriert klarzulegen, zu deuten und zu beurteilen, bewährt sich – dies nur als Beispiel – auch in den Artikeln über Komponistenkollegen wie Buxtehude, Corelli, Gluck, Quantz, Telemann, Alessandro und Domenico Scarlatti. Zu Johann Sebastian Bach übrigens eine Trouvaille: das Hamburger Bach(?)-Porträt, eine Pastellzeichnung.

In der Einleitung (Händels Beziehung zu seinen Zeitgenossen) geht Marx verschiedenen Aspekten des Themas nach, weitet es aus: Der Künstler und die höfische Gesellschaft; Der Unternehmer und die Öffentlichkeit; Der Privatmann und sein Umfeld; Mutmaßungen über sein Selbstverständnis. Band 1 enthält zudem das Verzeichnis der Zeitgenossen.

Im Anhang am Ende des 2. Teilbandes finden sich hilfreiche Zusammenstellungen: die Genealogien der Familie Händel und des Hauses Hannover, ein Kalendarium sämtlicher Londoner Aufführungen Händels von 1711 bis 1759, das Verzeichnis der benutzten Literatur, die Bildnachweise und das Register der erwähnten Werke Händels.

Hans Joachim Marx hat mit dieser biographischen Enzyklopädie ein tiefenscharfes und facettenreiches Panorama in Sachen Händel und seiner Epoche geschaffen, ein nachhaltiges Referenzwerk der Händel-Forschung.

Zitat aus dem Buch:
«Händels Konten bei der Bank of England lassen erkennen, dass er spätestens von 1728 an – also seit dem Ende der Royal Academy of Musick – sein Geld in Aktien und Wertpapieren anlegte. […] An den Bewegungen seiner Konten lässt sich ablesen, dass Händel als ein in Geldangelegenheiten erfahrener Unternehmer handelte und Aktien und Anleihen gezielt kaufte und verkaufte. Bezeichend für sein auf Sicherheit bedachtes Anlageverhalten ist die Tatsache, dass er kaum hochverzinsliche, spekulative Aktien kaufte, sondern sich mit festverzinslichen Staatsanleihen begnügte. Das scheint auch der Grund gewesen zu sein, weshalb er bei dem berüchtigten Börsenkrach, dem ,South Sea Bubble’ von 1721, nur wenig Geld verlor. Im Gegensatz etwa zu dem Dichter John Gay, der bei dieser Aktienmanipulation sein gesamtes Vermögen verlor, hat sich Händel aus spekulativen Geldgeschäften stets herausgehalten.» (Einleitung, Seite 46)

(ws)

Hans Joachim Marx: Händel und seine Zeitgenossen. Eine biographische Enzyklopädie. Das Händel-Handbuch 1; Teilbände I und II. 682 Artikel, 217 farbige und schwarzweisse Abbildungen sowie ein Kalendarium der Aufführungen Händels. 1125 Seiten. Laaber-Verlag, Laaber. € 178,–. Fr. 301.–. (Bei Bezug der ganzen Reihe ca. 11% Preisnachlass.)

Schreibe einen Kommentar