03.08.2009 — Seine Oratorien, Orchesterkompositionen, Klavierwerke und Kammermusiken haben Händels Ruhm stets wachgehalten. Über die mehr als fünf Dutzend Bühnenwerke, das Schwergewicht in seinem Schaffen, legte sich jedoch nach dem Tod ihres Schöpfers alsbald der Staub des Vergessens. Und dies, obwohl der Grossteil seiner Opern unmittelbar nach der Uraufführung im Druck vorgelegt worden ist. Das Interesse an einzelnen Opern erwachte erst wieder Anfang der 1920er Jahre im Zug der Händel-Renaissance.
Dem Opernschaffen des Barockmeisters, das 1704 mit «Almira, Königin von Kastilien» für Hamburg begann und 1741 mit «Deidamia» beendet wurde (zu den 42 Originalwerken kommen noch 9 Pasticci und diverse Bearbeitungen und Fragmente), ist Band 2 des umfangreichen sechsbändigen Händel-Handbuchs gewidmet, das der Laaber-Verlag anlässlich des Händel-Jahrs 2009 ediert.
Die Herausgeber Arnold Jacobshagen und Panja Mücke haben die enorme Stofffülle in zwei Teilbände von je 483 Seiten Umfang gegliedert. Teilband I versammelt in vier grossen Hauptkapiteln dreissig Beiträge, die sich aller relevanten Bereiche von Händels Musiktheaterschaffen annehmen.
Im Kapitel «Schauplätze» werden die Opern in den europäischen Zusammenhang gestellt und Händels Wirken in den einzelnen Stationen (Hamburg, Rom, Florenz, Venedig, London) gewürdigt. – «Kontexte» geht den Voraussetzungen nach, die für Händels Opernschaffen wesentlich waren (zeitgenössische Aufführungspraxis, Sängerinnen und Sänger, Kastratenrollen, Kostüme, Tanz, Librettisten, Händels kulturpolitische Strategien). – Das Kapitel «Strukturen» befasst sich mit den Charakteristiken der Libretti, Ouvertüren, Rezitative, Arien, Ensembles, Chöre, mit dem Tanz und der Orchesterbesetzung. – Im abschliessenden Kapitel «Rezeption und Interpretation» stehen Probleme der Händel-Forschung und der Aufführungspraxis im Mittelpunkt (z. B. Quellen, Überlieferung und Editionen, Händel-Renaissance, Regietheater, Tonträger).
Durchwegs liegt der Fokus nicht etwa ausschliesslich auf Händels Wirken als Komponist und Impresario, vielmehr weitet sich das Blickfeld regelmässig auf die musik- und theaterhistorischen Voraussetzungen seiner Epoche, auf die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zustände in den Wirkungsstätten. Zur Darstellung kommen auch die Stationen der Wiederbelebung von Händels Opern in den Göttinger Händel-Festspielen vor acht Jahrzehnten über die Vereinnahmung Händels als «deutscher Wikinger» bei den Nazis und als Volkserzieher in der DDR bis zu den Händel-Renaissancen seit Mitte der Achtzigerjahre.
Teilband II enthält die Einzeldarstellungen sämtlicher Opern Händels in chronologisch geordneter Folge, wie sie der Nummerierung im Händel-Werke-Verzeichnis (HWV) entspricht. Die einzelnen Artikel sind identisch aufgebaut. Der Titelkopf fasst die technischen Angaben zusammen (Gattungsbezeichnung, Aktzahl, Datum, Theater und Ort der Uraufführung, Librettist, Personenverzeichnis mit Stimmfach, Orchesterbesetzung). Nicht nur summarisch, sondern bis ins Detail erzählt wird die (oft verwickelte) Handlung, wo nötig auch die Vorgeschichte. Der anschliessende Kommentar bringt alle zum fundierten Verständnis wichtigen Aspekte zur Sprache, darüber hinaus eine Vielzahl von Einzelheiten etwa zum Opernstoff, zu den Personen aus Mythologie und Historie, zu den Umständen der Uraufführung, zu Libretto, Bühnenbild, Balletteinlagen, den politischen Implikationen, den Aufführungen bis in die Gegenwart.
Ein gesonderter Teil ist den Pasticci (samt tabellarischen Aufstellungen der darin verwendeten Kompositionen), den Bearbeitungen und Opernfragmenten, Schauspielmusiken und «Secular dramas» vorbehalten.
Im Anhang untergebracht sind Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren, Abkürzungs- und Literaturverzeichnis sowie das Personenregister für beide Teilbände. Die Anmerkungen sind durchgehend am Schluss der einzelnen Artikel zusammengefasst, wo sich auch Querverweise finden.
Respekt heischt die vorliegende facettenreiche Auseinandersetzung mit Händel, mit dessen Musiktheaterschaffen, seiner Zeit und seiner Nachwirkung. Innerhalb von knapp zwei Jahren haben über vierzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Grossbritannien, Italien, Österreich, der Schweiz und den USA über achtzig Texte zu diesem Handbuch beigetragen, der ersten derart umfassenden Publikation in deutscher Sprache zu Händels Opern.
Begleitet wird der Textteil von Notenbeispielen und Schwarzweiss-Illustrationen wie Porträts, Karikaturen, Titelblättern von Drucken, Bühnenbildentwürfen, darunter viele zeitgenössische Dokumente. Und nicht zuletzt zu loben sind die stilistische und sprachliche Sorgfalt, die Typografie und das Layout.
Zusammen mit Band 1 (Händel und seine Zeitgenossen) fügt sich das Opern-Handbuch zu einem inhaltsdichten, farben- und kontrastreichen Mosaik von Händels Persönlichkeit und Kunst vor dem Hintergrund einer Jahrhunderte umfassenden Musik- und Geistesgeschichte mit Zentrum Barock.
Zitat aus dem Buch:
«Händel pflegte Retrospektivität sowohl dem Hof zuliebe als auch um ihrer selbst willen, ja als Ausdrucksqualität. Er blickte zurück in die Opern-Vergangenheit durch die Brille der mitteleuropäisch-höfischen und der römisch-arkadischen Traditionen und Loyalitäten seiner Jugendzeit. Andererseits verrät eine solche Zuspitzung des Interesses auf die Vergangenheit – die kreative Inbesitznahme der Vorbilder oder der Dialog mit ihnen – ein historisches Bewusstsein. […] Händel – und durchaus auch seine Londoner Mitstreiter in Literatur und Kunst – behandelten Oper und Oratorium als Importware aus humanistischer Vergangenheit, als Luxus des Geistes und der Sinne, der einem noch weitgehend ,barbarischen’ Publikum zu unterbreiten war. Diese Ideologie war es wohl, die seine Werke wiederum späteren Jahrhunderten anempfohlen hat.» (Reinhard Strohm, Händels Opern im europäischen Zusammenhang, Seite 13/I)
(ws)
Händels Opern. Das Handbuch. Herausgegeben von Arnold Jacobshagen und Panja Mücke. 2 Bände, zusammen 966 Seiten mit zahlreichen Notenbeispielen und über 50 schwarzweissen Abbildungen. Das Händel-Handbuch 2. Laaber-Verlag, Laaber. € 172,–. Fr. 274.–.
siehe auch:
Händel und seine Zeitgenossen (Händel-Handbuch, Band 1)