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Hohle Phrasen und globalisierte Eliten

Von Wolfgang Böhler

 

12.03.2010 — Man kann ja schon ins Grübeln kommen, stellt man die Frage, wieviel Substanz Politikeraussagen haben. Einmal mehr drängt sich das auf, wenn man die aktuelle «Abzocker»-Debatte mitverfolgt. Da wird links und rechts gegen «überrissene Löhne, Exzesse und ungerechtfertige Boni» gewettert. Ja hoffentlich! Gesagt ist damit allerdings noch nichts, und um das scheint’s ja auch zu gehen. Wohlklingende Sätze wie «Überrissene Löhne sind ungerecht», «Boni-Exzesse müssen verurteilt werden» und so weiter sind nämlich Tautologien. Sie sagen genausoviel aus wie die idiotischen Schilder am Wegrand, auf denen «Das unbefugte Betreten des Rasens ist verboten» steht. Das ist genauso eine Leerformel wie die Behauptung, dass jemand das Kind seiner Mutter ist, oder das pathetische und nicht minder sinnfreie «La France, c’est la France!» Charles de Gaulles.

Einfachere Gemüter bezeichnen so etwas als hohle Phrasen. Und solche werden zur Zeit in der Politik zunehmend kräftiger gedroschen. Ein untrügliches Zeichen des Zerfalls politischer Kultur.

Was soll’s, die «Abzocker»-Diskussion läuft sowieso falsch. Ob einer zwanzig oder fünfzig Mal mehr verdient als sein Nachbar oder die Raumpflegerin in seinem Betrieb, ist im Grunde genommen unerheblich (von den Lohnbetrachtungen sind ja auch die Unternehmer ausgenommen, die noch eigene Firmengewinne einstreichen, und ob einige Sportler und Unterhaltungskünstler wirklich verdienen, was sie einkassieren – viele deutlich mehr als globale Spitzenmanager –, fragt auch keiner).

Es geht vielmehr um etwas, was mit dem altmodischen Wort «Gemeinsinn» bezeichnet wird, und zwingende Voraussetzung jeglicher Moral im Staat ist. Der Solidaritätspakt zwischen Führungskräften und dem «normalen» Bürger ist durch die Entstehung einer globalisierten Manager-Kaste ausser Kraft gesetzt worden. Um das geht es im Grunde genommen. Das wird sich auch nicht ändern, egal wieviel Lohn man den anonymen Masters of Business Administration and the Universe in den Chefetagen international operierender Unternehmen zugesteht. Dafür müssen Lösungen gefunden werden.

Die Kräfte, die den Gemeinsinn erodieren, haben verschiedene Härtegrade. Der erste ist die Chancenungleichheit. Die ist zwar nicht Naturgesetz, aber vermutlich etwas, mit dessen Existenz sich eine Gemeinschaft abfinden muss, ohne dass sie den steten Kampf dagegen aufgeben sollte.

Von grösserem Kaliber sind ungerechte Lohnunterschiede. Um die, glauben Populisten hüben und drüben irrigerweise, gehe es zur Zeit. Die wirklich brisanten Aspekte des Themas werden bei der Entrüstungs-Bewirtschaftung allerdings nicht beackert. Etwa die Frage, wie gefährlich es ist, wenn PR-Arbeit für Grosskonzerne deutlich besser entlöhnt wird als solider, unabhängiger und rechercheintensiver Qualitätsjournalismus, oder ob es richtig ist, dass mit oberflächlichem Schlagergedudel wesentlich mehr Geld gemacht werden kann, als mit tieflotender zeitgenössischer Oper.

Die höchste Giftklasse erreicht aber die Einstellung der Sehrgutverdienenden, dass tiefe Löhne oder Abhängigkeit von Sozialwerken die Folge von Charakterfehlern sind, und dass das Geld, das die globale Manager-Kaste einstreicht, ihr nicht zuletzt dank der Arbeit des einfachen Volkes zufliesst, sondern ihr quasi als Geburtsrecht zusteht und der einfache Bürger versucht, ihr dieses mit Umverteilungs-Mechanismen abzujagen. In diesem Weltbild ist der Reiche nicht derjenige, der viel hat, weil die arbeitende Bevölkerung Produkte erzeugt, sondern der Reiche quasi gottgegeben reich und der Arme derjenige, der ihm sein Geld klauen will.

Wenn die Mitglieder der globalisierten Führungs-«Elite» darüberhinaus irgendwo wohnen, aber am lokalen Leben nicht teilnehmen, nicht in Dorfvereinen, lokalen Politkommissionen oder der Ortsfeuerwehr, dann entsteht eine Gesellschaft aus Parallelwelten ohne gegenseitiges Verständnis. So etwas kann gar nicht gut gehen.

Die Frage, wie globale Führungskräfte und lokale Gesellschaften zum gegenseitigen Nutzen interagieren sollten, muss diskutiert werden. Die Lohnunterschiede sind zweitrangig. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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