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Horst-Peter Hesses «Musik und Emotion»

05.09.2003 — Horst-Peter Hesse, Professor an der Universität Mozarteum Salzburg, ist in Sachen Musikpsychologie und –physiologie kein Unbekannter. Für das deutsche Monumentalwerk «Musik in Geschichte und Gegenwart» hat er einen Beitrag zum Thema «Gehör» verfasst, zudem findet sich ein Artikel zum Thema «The judgement of musical intervals» aus seiner Feder in dem legendären, von Manfred Clynes herausgegebenen Sammelband Music, Mind and Brain, The Neuropsychology of Music, (Plenum Press New York 1981).

Der selbst gestellte Anspruch des Buches mit dem Titel Musik und Emotion – wissenschaftliche Grundlagen des Musik-erlebens lässt auf eine interessante Lektüre hoffen. Im Vorwort schlägt Hesse überdies polemische Töne an: «Die vorliegenden schriftlichen Überlegungen und Beobachtungen», schreibt er, «entstanden (…) als eine Reaktion auf die Gepflogenheit mancher Autoren, oftmals ungenügend recherchierte ‚Fakten’ einer breiten Masse informationsbegieriger Menschen vorzusetzen. (…) aus so geartetem Halbwissen unverbindliche Empfehlungen abzuleiten liegt mir jedoch nicht im Sinn. Vielmehr soll Ihnen als verantwortungsbewusstem Leser der Schlüssel zum Verständnis der so vielschichtigen Wirkung von Musik auf den Menschen in die Hand gegeben werden.» Von dem Buch dürfte man also einige erhellende Gedanken zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Musik-Erlebens und des Verhältnisses von Musik und Emotion erwarten.

Zweifel daran, dass diese Hoffnungen berechtigt sind, weckt allerdings schon die Architektur des Textes: Die Kapitel 2 bis 7 bilden nacheinander Einführungen in Nerven- und Hormonsystem, Bewusstseinsmodelle, biologische und psychologische Entwicklung, ein Schichtenmodell der Persönlichkeit sowie die Verhältnisse von Musik zu Zahl und Zeit, ohne dass der Leser wirklich aufgeklärt würde, wohin das alles führen soll. Erst auf Seite 153 (von insgesamt 177 Seiten Text) werden laut Kapitelüberschrift «Faktoren des Musik-Erlebens» aufgenommen. Wer jetzt erwartet, dass die in den vorangegangenen Kapiteln geleistete Vorarbeit zu einer Gesamtschau verdichtet und damit Einblicke in die Art ermöglicht würden, wie Musik auf physiologischer oder psychologischer Ebene Gefühle zu wecken versteht, wird jedoch enttäuscht.

Sublimation der Triebe

Auf den ersten fünf Seiten des Kapitels wird die sensationelle Neuheit, dass laute, bewegte und schnelle Musik belebt und leise, langsame und statische beruhigt, wissenschaftlich erhärtet. Die folgenden sieben Seiten nehmen etwas unmotiviert das Thema Gestaltwahrnehmung noch einmal auf, das im sechsten Kapitel zu Musik und Zahl bereits abgehandelt worden ist. Weitere zweieinhalb Seiten sind dem Thema Assoziationen gewidmet. Erst die allerletzten acht Seiten stehen unter dem Zwischentitel «Emotionen». Hesse skizziert nun ein an Freuds Triebstau erinnerndes psychophysisches Modell des Gleichgewichts von Gefühl und rationalem Handeln. Es gipfelt in der Erkenntnis, dass Musik einen «wesentlichen Teil der emotionalen Kräfte des Menschen in die Welt der Ästhetik» lenkt, und wir sind genau so schlau wie vorher, denn davon sind wir ja ausgegegangen, und wir hätten gerne gewusst, wie die Musik das bewerkstelligt. Auf den folgenden Seiten wird unvermittelt Semiotik betrieben. Das Kapitel mündet in die Wiederbelebung der antiken Idee von der reinigenden Wirkung, die Musik ausüben können soll.

Stilistisch erhebt der Text auf der einen Seite einen angesichts des klar abgesteckten Themas unnötigen enzyklopädischen Anspruch – da werden Konfuzius-Zitate, Bonmots der alten Griechen und Zitathappen von Mattheson bis zu Victor Zuckerkandl aneinandergereiht, die den Autor als belesenen Bildungsbürger ausweisen, dem Leser und der Leserin darüber hinaus aber nicht viel zu bieten vermögen. Auf der andern Seite wirken die ständigen Exkurse und Themenwechsel eher unstrukturiert und verwirrend. Viele wichtige Ideen werden bloss flüchtig gestreift, ohne ihren Urhebern wirklich Referenz zu erweisen, etwa die erwähnte Katharsis, die auf Platon zurückgeht, oder die Konzeption von erfüllter und enttäuschter Erwartung, das Thema des Lebenswerks von Leonard B. Meyer (Seite 165). Die Argumentation hat ab und zu auch etwas Beliebiges: Auf Seite 172 entwickelt Hesse zum Beispiel praktisch in den Worten Eduard Hanslicks eine Konzeption des Dynamischen der Gefühle. Abgeschlossen wird sie ausgerechnet mit einem Zitat Wagners, gegen den sich Hanslicks Sprachkritik richtete.

Hesse veranstaltet aber auch ein begriffliches Verwirrspiel. So definiert er den Ausdruck Emotion in Anlehnung an den Sprachtheoretiker Karl Bühler als «Gefühlsbeziehungen zur sozialen Umwelt» (Seite 102); er stellt ihn damit ins Zentrum einer eher soziologisch geprägten Psychologie. Auf der andern Seite beklagt er sich darüber, dass die Zweige der Musikforschung «als gesellschaftswissenschaftlich ausgerichtete Forschung betrieben [werden], in der sozialpsychologische Aspekte die individualpsychologischen eindeutig überwiegen». Das Buch bewegt sich durchgehend in solchen unscharfen und unsystematischen Regionen. Hinzu kommende Ausrutscher wie die Verwechslung von Diminuendo und Legato auf Seite 24 führen zur Einsicht, dass ein gutgesinnter, aber konsequenter Lektor hier wichtige Arbeit hätte leisten können.

Theorien des Emotionalen

Das eigentliche Verhältnis von Musik und Emotion spielt in dem Buch bloss eine untergeordnete Rolle. Man hat deshalb nach der Lektüre den Eindruck, auf den vielversprechenden Titel als Trick der Verkaufsförderung hereingefallen zu sein. Wichtige Erklärungsansätze zum Verhältnis von Musik und Emotion, von denen man wenigstens einige unter dem Titel erwarten würde, fehlen in dem Buch. Etwa die faszinierende Konzeption der «sentic forms» des erwähnten Manfred Clynes, den Hesse kennt (er zitiert ihn in anderem Zusammenhang), oder die Perspektiven, die Neubewertungen des Emotionalen – etwa in den Theorien Antonio Damasios – öffnen. Ein weiterer wichtiger Erklärungsansatz, die ethologisch-evolutionstheoretisch fundierte Theorie der Musik als Mittel der Partnersuche, wird als Irrglaube einiger «intellektueller Materialisten» abgetan (Seite 171), ohne dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich aufgrund einer seriösen Diskussion der Argumente ein eigenes Bild zu machen.

Zu all dem kommen die Unarten eines akademisch-gelehrten Deutschs mit all seinen schwerfälligen und schwierig zu lesenden Substantivierungen. Sie machen es zusätzlich schwer, über das Buch ein freundliches Urteil abzugeben. Hesse ist ein anerkannter Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung. Hätte er sich tatsächlich an die im Vorwort reklamierten Grundsätze gehalten, wäre das Buch für den Leser wohl zu einem wirklichen Gewinn geworden. (wb)

Horst-Peter Hesse, «Musik und Emotion – wissenschaftliche Grundlagen des Musik-erlebens», Springer, Wien 2003

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