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In was für Häusern wollen wir leben?

Von Wolfgang Böhler

 

04.05.2012 — Der Heimatschutz der Schweiz ist gefordert. Unter Strom setzt ihn die Energiepolitik. Sie sorgt unter anderem dafür, dass sogar altehrwürdige Bauernhäuser blau, blau, blau zu blühen beginnen – dank Solarpanels. Zudem gibt’s Druck von der Tourismusbranche. Die lebt nämlich hierzulande (anders als in Bilboa, Berlin oder Dubai) vom blüemlete Trögli. So wird dann halt eine Kapellbrücke in Luzern wieder rekonstruiert, wenn sie abbrennt, und auf den Weissenstein bei Solothurn (da sind wir zuhause) muss es unbedingt die historische Sesselibahn sein. Eine neue hat halt nicht den gleichen Charme und dokumentarischen Wert in Sachen Schweizer Bergtransport-Mittel. Und die Stadt Bern steht als Weltkulturerbe eh schon lange unter dem Schutz der UNESCO.

Der frühere Stadtpräsident von Biel trägt den Namen einer urschweizerischen historischen Häusergattung. Ausgerechnet er hat als Nationalrat ein Postulat eingereicht, das den Bundesrat beauftragen möchte, «die Basis für ein Förderkonzept bezüglich der zeitgenössischen Architektur und der aktuellen Baukultur insgesamt zu schaffen». Der mittlerweile zum Ständerat mutierte Hans Stöckli stellt darin fest, dass «für die Pflege und für spezifische Projekte des Heimatschutzes und der Denkmalpflege 85 Millionen Franken vorgesehen» sind, die zeitgenössische Baukultur hingegen leer ausgeht.

In einer Stellungnahme erklärt der Bundesrat nüchtern, im Rahmen der Beratungen der Kulturbotschaft seien «verschiedene Einzelanträge zur Förderung der Baukultur abgelehnt» worden. Und ein Förderungskonzept für eine umfassende Unterstützung der zeitgenössischen Baukultur lasse sich mangels Rechtsgrundlagen im Kulturförderungsgesetz nicht umsetzen.

Aufgepasst! Die Sache ist aus Sicht der Kreativen komplexer, als man vermuten könnte. Geht’s um die Förderung der Kreativität im Land, sind bemerkenswerte ästhetische Entscheidungen in der Baukultur eine zweischneidige Sache. Am kreativsten geht’s in der Regel an städtebaulichen Unorten zu und her, weil diese keine Vorprägungen darstellen und Veränderungsimpulse anregen. Das ist das Erfolgskonzept so spektakulär erfolgreicher Kreativwirtschaftler wie der Brüder Freitag (die mit den Taschen aus Lastwagenblachen).

Stilvolle und trendige Umgebungen sind in der Regel eher kreativitätshemmend. Um so richtig Luft für neue Ideen zu haben, solllte eine Gegend weder mit historisch wertvollen noch designpreisgekrönten Kunstbauten überstellt werden. In gewisser Hinsicht zeugt das Postulat Stöcklis von einem gut gemeinten Denkfehler.

Wir unterstellen dem als Stadtpräsident sehr erfolgreich gewesenen Landschaftsplaner die richtige Absicht, nämlich Städte und Dörfer lebenswerter zu machen. Dazu braucht es aber nicht bessere Architekturen, sondern Quartierplanungen, die Begegnungen ermöglichen, emotionale und intellektuelle Anregungen bieten und vielleicht sogar akustische Stadtraumgestaltung. Nicht Dinge, Funktionen sind entscheidend. Weil diese aber nicht so unmittelbar sichtbar werden, befassen sich Politiker nicht so gerne damit. Die streben lieber Resultate an, die ihre Leistungen unmittelbar sichtbar machen. Sozusagen in Stein gemeisselt.

Seit Stöckli ins Stöckli gewechselt hat, ist seine Parteikollegin Josiane Aubert für das Anliegen zuständig. Das Postulat ist noch eingerüstet. Und wer sich nun fragt,was das alles mit Musik zu tun hat… ööh …nichts!? (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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