26.07.2005 — Das waren noch Zeiten, als Pädagogen den Computer als Teufelszeug aus den Küchen der militärischen Aufrüstung betrachteten, und in der Tatsache, dass Programme «geladen» werden, einen Hinweis darauf sahen, dass es sich da um «Waffensysteme» handeln müsse. Kaum beleckt von praktischen Erfahrungen im Umgang mit den Medien wurde die Gefahr einer «Algorithmisierung des Denkens und Handelns» heraufbeschworen. Derartige Wortschlachten wurden 1994 in der Zeitschrift «Musik & Bildung» geschlagen. Seither hat sich das Eine oder Andere verändert. Vor allem ist zu den Möglichkeiten des unvernetzten Personalcomputers als pädagogisches Medium das Internet getreten, das eine gerade gegenteilige Gefahr heraufbeschwört: Statt an zuviel linearem, regelbestimmtem Denken (der «Algorithmisierung») scheinen die Internauten eher an einem Zuviel an unstrukturierten, fragmentarischen und auf wirre Art multiparametrisierten Angeboten zu scheitern.
Wie wird das Internet heute im pädagogischen Alltag des Musikunterrichts aber tatsächlich verwendet? Dieser Frage geht Bert Gerhardt in seinem Buch «Internet und Musikunterricht» nach, dem auch die heute amüsant anmutenden Beispiele aus der Diskussion Mitte der neunziger Jahre entnommen sind (Seite 54). Das erste Fazit ist dabei durchaus ernüchternd. «In der Umsetzung der Nutzung des Internet in den Schulen scheint sich nach einer anfänglichen Euphorie im Zuge der Kampagne ‚Schulen ans Netz’ zunächst eine allgemeine Ernüchterung breit zu machen (…). Der Computerraum wird häufig wieder von den Lehrern genutzt, die schon vor der Einführung des Internet damit gearbeitet haben, und die Nutzung des Internet findet oftmals nur im Bereich der Arbeitsgemeinschaften statt.» (50)
Das Buch zeichnet ausgehend von diesem Befund ein erfrischend differenziertes Bild vom Stand der Dinge und versorgt den Leser nebenbei mit einer grossen Fülle an nützlichen Tipps und Tricks zu interessanten Webseiten oder Unterrichtsmodellen. Auf der Negativseite zu verzeichnen sind der bürokratisch anmutende, schwerfällige Stil, in dem das Buch geschrieben ist, und die Tatsache, dass der Autor im an sich lobenswerten Bemühen um Transparenz der Methode eindeutig übers Ziel hinausschiesst.
So muss sich der Leser etwa durch eine quälend detaillierte Diskussion eines Fragebogens kämpfen, bevor er zu hoch interessanten und spannend zu lesenden Fallstudien aufgrund von Einzelinterviews mit Lehrern vorstösst. Dass etwa beim Versenden eines elektronischen Fragebogens ein Perl-Modul verwendet worden ist, «welches diese Übermittlung bewerkstelligte und über den Sendebutton des HTML-Formulars angesprochen wurde» (87) trägt zum Erkenntnisgewinn in der Sache nicht wirklich viel bei und hätte sich – so es denn unbedingt erwähnt werden muss – wohl besser in einer Fussnote oder einem Anhang zu den technischen Details der Arbeit verstecken lassen.
Aufgrund 228 ausgefüllt retournierter Fragebogen zur Nutzung des Mediums im Unterricht entwirft Gerhardt eine für sich sprechende Typologie der Pädagogen. Sie wird manchen Lehrer erleichtern, der sich damit bewusst werden dürfte, dass er nicht der Einzige ist, der sich mit bestimmten Charakterköpfen im Kollegium herumzuschlagen hat.
Unterteilen lassen sich die Musiklehrer mit Blick aufs weltweite Netz in Praktiker (rund 20 Prozent), Freaks (20 Prozent), Kritische (23 Prozent) und Traditionelle (22 Prozent). Die verbleibenden 15 Prozent lassen sich einer Gruppe nicht klar genug zuordnen.
Die Praktiker konzentrieren sich im Wesentlichen auf die Arbeit mit den Schulmusik-Ensembles und gehen davon aus, dass das Internet in der Schule künftig an Bedeutung zunehmen wird. Zu den Freaks wiederum gehören Musiklehrer mit einem starken technischen Interesse, die offenbar lieber an Computer und Netzwerk basteln als mit den Schülern tatsächlich zu musizieren.
Die Kritischen bezweifeln vor allem, dass Informationen aus dem Internet zuverlässig sind, nutzen das weltweite Netz aber dennoch zur privaten und schulischen Arbeit. Die Traditionellen schliesslich sind eine eher diffuse Gruppe, die sich bevorzugt an Klassik und praktischem Singen orientieren.
Gerhardt stellt in einem Fazit fest, dass «die didaktische und methodische Diskussion zum Internet noch immer in den Kinderschuhen steckt und noch kein allgemeiner musikdidaktischer Konsens bzw. kein gemeinsamer Diskurs vorausgesetzt werden kann.» (190) Das liegt selbstverständlich auch daran, lässt sich da wohl hinzufügen, dass das Web als Medium noch keineswegs zu Reife und konsolidierter Form gefunden hat und die Voraussetzungen für eine stabile Diskussion über seinen pädagogischen Wert noch gar nicht wirklich geführt werden kann.
In der Schule hat das Internet seinen Platz trotz vieler noch offener Fragen und anstehender Diskussionen aber bereits erobert. Die schulbezogene Nutzung ist «weiter fortgeschritten, als es zu Beginn der Untersuchung erwartet wurde» (197), erklärt der Autor etwas im Widerspruch zum Eingangsbefund. An gut 40 Prozent der Schulen gibt es eine Homepage mit Informationen zum Fach Musik. Dabei gehen die Pädagogen davon aus, dass das neue Medium für den Lehrer keine Entlastung bringt, sondern eine «Verschiebung seines Tätigkeitsspektrums hin zu neuen Aufgaben in einer veränderten Rolle.» (198)
Anzumerken bleibt hier vielleicht bloss, dass dies im Grunde genommen kein typisches Charakteristikum des Internet ist: Die zunehmende Beschleunigung des modernen Lebens führt dazu, dass gerade die Schule sich auf allen Gebieten ständig neu ausrichten und die eigenen Grundlagen neu überdenken muss. Die Pädagogen sehen sich da mit der Forderung konfrontiert, vom lebenslangen Lehren zum lebenslangen Lernen zu wechseln. Dabei bietet sich eine Chance: finden sie doch zu den Problemen der eigenen Schülern damit einen unmittelbaren, weil auf eigener Erfahrung beruhenden Zugang. (wb)
Bert Gerhardt: Internet und Musikunterricht – Bestandesaufnahme und Perspektiven, Forum Musikpädagogik, Band 64, Wissner-Verlag, Augsburg 2004, www.wissner.com