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iPod und der Gipfel des Zynismus

Von Wolfgang Böhler

 

08.07.2005 — Wir wollen dem Apple-Boss Steve Jobs keinerlei unlautere Absichten unterstellen. Die Tatsache, dass er einem Vater während der Vorbereitungen zur Trauerfeier für seinen ermordeten Sohn das Beileid ausspricht, ist ja auch kaum etwas, was man kritisieren könnte. Der Junge ist im Kampf um einen iPod-Musikspieler erstochen worden, und da der iPod – das angesagte Abspielgerät für aus dem Internet heruntergeladene Musikdateien – eines der Flaggschiffe Apples ist, lässt sich nachvollziehen, dass Jobs ein derartiges Vorkommnis nicht kalt lassen kann.

Wir hätten den Apple-Chef vor einer solchen Unbedachtheit jedoch in aller Freundschaft gewarnt. Wären wir seine PR-Berater, hätten wir ihm von dem Unternehmen dringend abgeraten. Steve, hätten wir gesagt (in Amerika sagen sich ja alle du), wir verstehen, hätten wir gesagt, deinen Schmerz und die Verzweiflung darüber, dass eines deiner besten Produkte eine solche Tragödie provozieren kann. Dennoch würden wir davon Abstand nehmen, während der Vorbereitungen zur Trauerfeier für den Ermordeten eine derartige Geste zu machen. Es könnte nämlich sein, hätten wir gesagt, dass die Weltpresse davon Wind bekommen könnte, und dann würde dein Telefongespräch mit dem verzweifelten Mann unglaublich zynische Züge annehmen. Es könnte nämlich sein, dass es als besonders kühl kalkulierter Werbeschachzug verstanden würde. Ein Gerät, für das Halbwüchsige sogar bereit sind, einen Mord zu begehen? Wow, muss das ein Ding sein.

Es könnte aber noch schlimmer kommen: man könnte dir unterstellen, dass du mit deinem Telefonanruf nach Brooklyn die Nachricht überhaupt ins rechte Licht rücken möchtest. Denn offenbar ist der Sechzehnjährige aus dem New Yorker Elendsviertel nicht bloss wegen des iPods überfallen worden. Das Gerätchen war bloss eines von mehreren Dingen, die ihm abgenommen wurden. Möglicherweise hatten es die Diebe ja bloss auf sein Handy abgesehen, oder auch nur auf seine Turnschuhe? Erst dein Anruf, wenn du ihn denn realisieren würdest, hätten wir zu Steve gesagt, würde den Überfall so darstellen lassen, dass der iPod das Objekt derartig fehlgeleiteter Begierde war.

Nun ist es aber geschehen: Eigensüchtige Journalisten haben deine aufrichtige menschliche Geste ans Tageslicht gebracht. Via Onlinedienste hat sie sich in Windeseile über die ganze Welt verbreitet. Lieber Steve, wir würden dir als deine PR-Berater deshalb raten, nun als ehrlich Entrüsteter dafür zu sorgen, dass die Welt erfährt, was du über eine derartige Verletzung der Persönlichkeitssphäre eines trauernden Mannes denkst: Das ist doch einfach eine aus Sensationsgier geborene miserable, journalistische Fehlleistung.

Wo ist der Respekt vor dem Mann, müsstest du sagen, der seinen Sohn verloren hat, weil er wegen des allseits beliebten, mittlerweile millionenfach verkauften und in mehreren Farben erhältlichen iPods niedergestochen worden ist? Das Wissen darum, dass eine Botschaft erst beim Nachdoppeln wirklich hängenbleibt, wird dich zwar erst recht als Zyniker dastehen lassen. So etwas musst du aber halt in Kauf nehmen. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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